Neuer Rekord: 50.000 studieren ohne Abitur

Noch nie zuvor studierten so viele Personen ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife in Deutschland. Ihre Zahl hat sich von 2010 bis 2014 nahezu verdoppelt. Dies ergeben Berechnungen des CHE Centrum für Hochschulentwicklung.

Die Nachfrage nach einem Studium ohne Abitur steigt seit Jahren konstant an. Studierten 1997 noch rund 8.500 Personen ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland, waren es 2014 bereits 49.800 Studierende dieses Typs. Besonders groß fiel der Sprung zwischen 2010 und 2014 aus. In diesem Zeitraum hat sich die Zahl ausgehend von 25.700 Studierenden ohne Abitur fast verdoppelt (Näher dazu siehe die quantitative Entwicklung in Deutschland insgesamt in diesem Online-Portal). Parallel dazu haben alle 16 Bundesländer sukzessive ihre gesetzlichen Zugangsmöglichkeiten zum Studium ohne Abitur deutlich ausgeweitet.

Rekordwerte gibt es 2014 auch bei den Studienanfänger(inne)n und Absolvent(inn)en ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung. Die Zahl der Erstsemester liegt aktuell bei 14.000. Dies entspricht einem Gesamtanteil an den Studienanfänger(inne)n von 2,8 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr ist in diesem Punkt eine leichte Steigerung um 0,2 Prozentpunkte zu verzeichnen.

Einen regelrechten Boom hat es dagegen bei der Zahl der beruflich Qualifizierten gegeben, die ein Studium erfolgreich abgeschlossen haben. Diese kletterte 2014 im Vergleich zum Vorjahr um rund 1.000 auf insgesamt 5.300. Das entspricht einer Steigerung um 22 Prozent. Damit schlagen sich die steigenden Studienanfänger(innen)zahlen in diesem Bereich allmählich auch in gestiegenen Absolvent(inn)enzahlen nieder.

„Aus dem bunten Mosaik der heutigen Bildungsbiografien am Campus sind Studierende ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung nicht mehr wegzudenken“, sagt CHE Geschäftsführer Frank Ziegele. „Vor allem Fachhochschulen haben sich für berufliche Qualifizierte geöffnet “, ergänzt Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung beim CHE: „Mit einem Anteil von rund vier Prozent Studienanfänger(inne)n ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife sind sie bei der Zielgruppe deutlich stärker nachgefragt als die Universitäten, welche einen Anteil von knapp zwei Prozent aufweisen.“ (Näher dazu siehe die quantitative Entwicklung nach Hochschultypen und Trägerschaft in diesem Online-Portal)

Vor diesem Hintergrund ermittelt das CHE bei seinem jährlichen Daten-Monitoring auch die jeweils drei Hochschulen pro Bundesland mit den meisten Studienanfänger(inne)n ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife (Näher dazu siehe die besonders nachgefragten Hochschulen in diesem Online-Portal). Von diesen sind 22 Prozent private Hochschulen und 78 Prozent in staatlicher Trägerschaft. Die Hochschule, die bundesweit die meisten Studienanfänger(innen) ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung aufweist, ist die FernUniversität in Hagen. „Auch an anderen Hochschulen im Bundesgebiet wird deutlich, dass Fernstudiengänge für diese Zielgruppe besonders attraktiv sind. Allerdings erfordert diese Form des Studiums viel Selbstdisziplin, die nicht jeder aufbringen kann“, so Sigrun Nickel. 

Bei der Fächerwahl entschied sich die Hälfte der Erstsemester ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung für einen Studienplatz im Bereich Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (50 Prozent). Dahinter folgen die Sprach- und Kulturwissenschaften sowie die Ingenieurwissenschaften mit 14 bzw. 13 Prozent. Bemerkenswert ist nach Ansicht der Expert(inn)en vom CHE, dass 2014 rund 10 Prozent ein Studium im Bereich Medizin/Gesundheitswissenschaften aufnahmen. Im Jahr 2002 lag der Anteil demgegenüber noch bei 0,7 Prozent. „Dieser deutliche Zuwachs kann eine Folge der fortschreitenden Akademisierung von Gesundheitsberufen sein“, so die Einschätzung von Sigrun Nickel (Näher dazu siehe die Nachfrage nach Studienfächern in diesem Online-Portal).

Auf Länderebene zeigen die Berechnungen des CHE ein differenziertes Bild. Erstmals verzeichnen mit Hamburg und Nordrhein-Westfalen zwei Länder einen Anteil von Studienanfänger(inne)n ohne Abitur von mehr als fünf Prozent. In vier der fünf ostdeutschen Bundesländer ist der Anteil dagegen rückläufig. „Die Schere zwischen den hohen Anteilen bei den Erstsemestern ohne Abitur im Westen und den niedrigen Anteilen im Osten hat sich geweitet“, konstatiert Sigrun Nickel. Diese Entwicklung gelte es im Blick zu behalten (Näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Online-Portal).

Voraussetzung für die Bewerbung um einen Studienplatz ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife ist mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie der Nachweis einer entsprechenden Berufserfahrung. Studieninteressierten stehen bundesweit knapp 7.000 Studienangebote offen.