Hessen

Hessen gehört ähnlich wie Bremen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen zu den Bundesländern, die relaiv frühzeitig ihre Hochschulen für Personen ohne allgemeine Hochschuleife oder Fachhochschulreife geöffnet haben. Auch in jüngster Zeit hat das Bundesland weitere Anstrengungen auf diesem Sektor unternommen. Beispielsweise wurde im Juni 2016 erstmals eine Vorabquote in Höhe von einem Prozent der Studienplätze für beruflich Qualifizierte in Studiengängen eingeführt, die mit einer staatlichen Prüfung abschließen. Möglicherweise ist diese fortschrittliche Praxis ein wesentlicher Grund dafür, dass in Hessen die Zahlen im aktuellen Berichtsjahr weiter nach oben gehen und sogar Höchstwerte erreichen. Im Bundesländervergleich wirkt sich dieser Aufschwung allerdings nicht aus. Bei der Quote der beruflich qualifizierten Erstsemester hält Hessen seinen 6. Platz aus dem Vorjahr. Hingegen verliert das Bundesland Plätze bei den Anteilen der Studierenden und Hochschulabsolvent(inn)en ohne Abitur und landet hier auf dem 8. und dem 6. Rang. Hervorzuheben ist ein Modellversuch Hessens, wonach Personen mit qualifizierter dualer Berufsausbildung (Abschlussnote 2,5 und besser) auch ohne weitere Berufserfahrung und Zugangsprüfung den allgemeinen Hochschulzugang ermöglicht wird. Dieser läuft noch bis 2021. Eine positive Zwischenbilanz zog das hessische Wissenschaftsministerium im Jahr 2018. Dabei wurde eine Überführung des Projektes in eine gesetzliche Regelung in Aussicht stellte.


Zugangsbedingungen

Hochschulzugang für Meister und sonstige hochqualifizierende Fortbildungsabschlüsse

Berechtigung:
Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung
Einschränkungen:
Nein

Hochschulzugang für sonstige beruflich Qualifizierte

Berechtigung:
Fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung
Voraussetzungen:
Fachlich verwandte Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf (2 Jahre)

Berufserfahrung nach erfolgter Ausbildung (2 Jahre)

Wenn keine fachliche Verwandtschaft zwischen der Berufsausbildung/-tätigkeit und dem angestrebten Studiengang besteht:
Zusätzlich Nachweis einer fachlich einschlägigen und qualifizierten Weiterbildung in einem zum angestrebten Studium fachlich verwandten Bereich im Umfang von mindestens 400 Stunden

Eignungsprüfung erforderlich:

Ja
Probestudium möglich:
Nein
Berechtigung im Rahmen des Modellversuchs bis zum Sommersemester 2021:



Fachhochschulreife
Voraussetzungen:
Mittlerer Schulabschluss

Abschluss einer anerkannten Berufsausbildung (mind. 3 Jahre), die nach dem 01. Januar 2011 und mit einer Mindestnote von 2,5 abgeschlossen wurde

Abschluss einer Studienvereinbarung bei Immatrikulation, die beinhaltet:

  • Verpflichtende Beteiligung an Befragungen und Erhebungen im Rahmen des Modellversuchs sowie
  • Erbringung von mind. 18 Leistungspunkten (ECTS) im ersten Semester oder alternativ 30 ECTS im ersten Studienjahr
Eignungsprüfung erforderlich:

Nein
Probestudium möglich:
Nein

Gesetzliche Regelungen

Hochschulzugang für Meister und sonstige hochqualifizierende Fortbildungsabschlüsse

§ 54 Abs. 2 HHG/§ 1 Abs. 1 der Verordnung über den Zugang beruflich Qualifizierter zu den Hochschulen in Hessen: Das Bestehen der Meisterprüfung berechtigt zum Studium aller Fachrichtungen. Als der Meisterprüfung gleichgestellte vergleichbare Abschlüsse der beruflichen Aufstiegsfortbildung gelten: Fortbildungsabschlüsse nach §§ 53 oder 54 Berufsbildungsgesetz und §§ 42 oder 42a Handwerksordnung, wenn der Lehrgang mindestens 400 Stunden umfasst, Fortbildungsabschlüsse nach Seemannsgesetz, ein Fachschulabschluss, vergleichbare landesrechtliche Fort- und Weiterbildungsregelungen für Berufe im Gesundheitswesen und im Bereich sozialpflegerischer oder sozialpädagogischer Berufe, Abschlüsse vergleichbarer bundesrechtlicher Fort- und Weiterbildungsregelungen wie beispielsweise Steuerberaterinnen und Steuerberater, Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer.

 

Hochschulzugang für sonstige beruflich Qualifizierte

§ 2 Abs. 1 der Verordnung: Zum Test der Vorbildung und Eignung für einen bestimmten Studienbereich kann eine Hochschulzugangsprüfung abgelegt werden. Zur Prüfung wird nach § 3 Abs. 1 der Verordnung zugelassen, wer eine mindestens zweijährige fachlich verwandte Berufsausbildung abgeschlossen (nach Berufsbildungsgesetz, Handwerksordnung, Bundes- oder Landesrecht) und daran anschließend mindestens  zwei Jahre hauptberuflich in diesem Bereich gearbeitet hat. Laut § 3 Abs. 2 kann eine fachlich nicht einschlägige Berufsausbildung oder -tätigkeit  durch eine mindestens 400 Stunden umfassende qualifizierte Weiterbildung in einem zum angestrebten Studium fachlich verwandten Bereich ersetzt werden. Geeignete Weiterbildungsmaßnahmen sind demnach: Fernlehrgänge und weiterbildende Studien an Hochschulen, inner- oder überbetriebliche Fortbildungsmaßnahmen, Kurse der Volkshochschulen und anderer Träger der Erwachsenenbildung.

  • § 3 Abs. 1 der Verordnung: Die Berufstätigkeit muss nicht zum Zeitpunkt des Antrags ausgeübt werden. Bei erzieherischen und sozialpflegerischen Berufen können Pflege- und Erziehungszeiten mit bis zu zwei Jahren angerechnet werden.
  • § 1 Abs. 2 der Verordnung: „Absolventinnen und Absolventen von Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien, die eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen, sowie Absolventinnen und Absolventen eines einjährigen Lehrgangs an der Europäischen Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main besitzen eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung.“

 

Wesen und Inhalte der Eignungsprüfung

§ 4 Abs. 6 und § 5 Abs. 1 der Verordnung regeln das Antragsverfahren, die optionale Durchführung eines Beratungsgesprächs, die mögliche Anerkennung von Eignungsfeststellungsverfahren anderer Länder und die Bildung von hochschulübergreifenden Prüfungsausschüssen in Hessen, die jeweils für einen Studienbereich oder ein Teilgebiet des Studienbereichs zuständig sind. Gegenstandsbereich der Prüfung sind allgemeine und fachliche Grundlagen des gewünschten Studiums; die Prüfung „knüpft an den besonderen berufsbezogenen Erfahrungen und Fähigkeiten der Bewerberin oder des Bewerbers an“ (§ 6 Abs. 2 der Verordnung). Die Prüfung besteht aus einem Prüfungsgespräch und einer schriftlichen Prüfung (§ 6 Abs. 3 der Verordnung). Unter bestimmten Voraussetzungen kann auf den schriftlichen Prüfungsteil verzichtet werden (§ 6 Abs. 5 der Verordnung). Zur Durchführung der Prüfung wird ein Prüfungsausschuss gebildet; das Prüfungsverfahren soll drei Monate nach Ablauf der Antragsfrist abgeschlossen sein (§ 7 Abs. 6 der Verordnung).

 

Zulassung zu weiterbildenden Masterstudiengängen

§ 16 Abs. 1 und 2 HHG: Die Hochschulen sind aufgefordert, Weiterbildungsangebote zur wissenschaftlichen Vertiefung und Ergänzung berufspraktischer Erfahrungen zu entwickeln. In weiterbildende Masterstudiengänge können auch Personen zugelassen werden, die eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und über eine mehrjährige Berufserfahrung verfügen. Ausbildung und Berufserfahrung müssen einen fachlichen Bezug zum angestrebten Studium aufweisen. In einer Eignungsprüfung wird festgestellt, ob der Kenntnisstand "dem eines für den angestrebten Studiengang einschlägigen ersten Hochschulabschluss entspricht". § 54 bleibt hier unberührt.

 

Anrechnung von beruflichen Kenntnissen

§ 18 Abs. 6 HHG: „Außerhalb von Hochschulen erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten können auf ein Hochschulstudium angerechnet werden, wenn die anzurechnenden Kenntnisse und Fähigkeiten den Studien- und Prüfungsleistungen, die sie ersetzen sollen, gleichwertig sind und die Kriterien für die Anrechnung im Rahmen der Akkreditierung nach § 12 Abs. 2 überprüft worden sind. Insgesamt dürfen nicht mehr als 50 vom Hundert der in dem Studiengang erforderlichen Prüfungsleistungen durch die Anrechnung ersetzt werden. Die §§ 23 und 54 bleiben unberührt." Gemäß § 23 HHG besteht die Möglichkeit einer Einstufungsprüfung: „Prüfungsordnungen können vorsehen, dass Bewerberinnen und Bewerbern mit einer Hochschulzugangsberechtigung nach § 54, die auf andere Weise als durch ein Hochschulstudium besondere Fähigkeiten und Kenntnisse erworben haben, die für die erfolgreiche Beendigung des Studiums erforderlich sind, Studien- und Prüfungsleistungen nach dem Ergebnis einer Einstufungsprüfung erlassen werden können. Sie sind in einem dem Prüfungsergebnis entsprechenden Abschnitt des gewählten Studiengangs zuzulassen.“

 

Wechsel aus einem anderen Bundesland

§ 1 Abs. 4 der Verordnung: Landesspezifische Hochschulzugangsberechtigungen werden nach einem Jahr nachweislich erfolgreichen Studiums zwecks Weiterstudiums in einem gleichen oder fachlich verwandten Studiengang anerkannt (mind. 45 Kreditpunkte müssen erreicht werden). Auch ein erfolgreich absolviertes Probestudiums aus anderen Ländern wird anerkannt. Nach § 4 Abs. 6 der Verordnung kann darüber hinaus der jeweils zuständige Prüfungsausschuss Eignungsfeststellungsverfahren anderer Länder ganz oder teilweise anerkennen und auf eine eigene Prüfung verzichten.

 

Quoten, Auswahlverfahren und Verbleib ungenutzter Studienplätze

§ 5 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 StudPIVergabeVO: Die Studienplatzvergabeverordnung Hessen bestimmt eine Vorabquote in Höhe von maximal 1 Prozent für durch berufliche Bildung qualifizierte Bewerber(innen), welche sich für Studiengänge bewerben, die mit einer staatlichen Prüfung abschließen. Dabei soll ihnen mindestens ein Studienplatz zur Verfügung gestellt werden, wenn mindestens eine Bewerberin oder ein Bewerber zu berücksichtigen ist (§5 Abs. 2 Satz 3).

§ 14 Abs. 2 und § 10 Abs. 1 Satz 2 sowie Anlage 2 Abs. 14 StudPIVergabeVO: Die Auswahl dieser Bewerber(innen) erfolgt „[…] nach dem Grad der Qualifikation“, welcher anhand der Durchschnittsnote des die Zugangsberechtigung begründenden Zeugnisses ermittelt wird. Näheres dazu regelt Anlage 2 StudPIVergabeVO. „Wer keine Durchschnittsnote nachweist, wird hinter die letzte Bewerberin oder den letzten Bewerber mit feststellbarer Durchschnittsnote eingeordnet“ (§ 10 Abs. 2 StudPIVergabeVO).

Die nach Durchführung des Auswahlverfahrens nicht vergebenen Studienplätze werden der Wartezeitquote hinzugerechnet (§5 Abs. 2 Satz 4 StudPlVergabeVO).

 

Sonstiges

§ 54 Abs. 4 HHG: „Bei nachgewiesener hervorragender wissenschaftlicher oder künstlerischer Begabung kann auf eine Hochschulzugangsberechtigung für den betreffenden Studiengang verzichtet werden, sofern er mit einer Hochschulprüfung abgeschlossen wird.“ (Laut KMK-Synopse gilt dies nicht für medizinische und pharmazeutische Studiengänge, die mit einer staatlichen Prüfung abschließen.)

(Stand: April 2019)

 

Daten-Monitoring

 

Im Jahr 2017 gelingt es Hessen erstmals die 3-Prozent-Marke beim Anteil der Studienanfänger(innen) ohne schulische HZB zu überschreiten. Mit einer Quote 3,17 Prozent Erstemester(inne)n ohne Abitur kann Hessen somit den 6. Rang des Vorjahres im Bundesländervergleich halten. Diese positive Entwicklung ist nicht zwangsläufig auf die Änderungen der HZB-Systematik in der Hochschulstatistik (siehe Informationen zu den verwendeten Daten) zurückzuführen ist, da der Anteil der Studienanfänger(innen), die über eine Begabten- oder Eignungsprüfung den Zugang zum Studium erlangt haben, sich mit rund 0,5 Prozentpunkten Wachstum seit 2015 nicht stark verändert hat. Dementsprechend kann der Aufwärtstrend möglicherweise bereits ein erster Effekt des zum Wintersemester 2016/17 gestarteten Modellversuchs in Hessen sein, in dem junge Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung auch ohne Berufserfahrung und Abitur ein Studium an hessischen Hochschulen aufnehmen können.

Die Quote der Studierenden ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife in Hessen ist 2017 ebenfalls auf einen Höchstwert von 1,87 Prozent gestiegen. Da Hessen damit dennoch unter dem Bundesdurchschnitt von 2,08 Prozent liegt, reicht es in dieser Kategorie nicht mehr für den 7. Platz – Hessen belegt aktuell den 8. Rang. Bei der Absolvent(inn)enquote ohne (Fach-)Abitur liegt Hessen mit 1,82 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 1,62 Prozent und erreicht somit auch in dieser Kategorie seinen Höchststand seit 2012. Trotz der positiven Entwicklung im Bereich der Absolvent(inn)en verliert das Land im bundesweiten Vergleich zwei Plätze und liegt nun auf dem 6. Rang. Alles in allem liegt Hessen beim Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife auf Bundesebene im oberen Mittelfeld.