Quantitative Entwicklung in Deutschland insgesamt

Zahlen erreichen bundesweit neuen Höchststand

In den zurückliegenden 20 Jahren hat Studium ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife einen nahezu durchgängig positiven Wachstumstrend erlebt. Waren es 1997 in ganz Deutschland nur 1568 Personen, die ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) ein Studium aufnahmen, sind es 2017 mit 14.595 Erstsemestern fast zehn Mal soviele. Prozentual gesehen ist der Anteil der Studienanfänger(innen), die über den beruflichen Weg an die Hochschule gelangt sind, an allen Studienanfänger(inne)n im Bundesgebiet im selben Zeitraum ebenfalls deutlich nach oben gegangen und zwar von 0,6 Prozent auf mittlerweile 2,9 Prozent.

Eine ganz ähnliche zahlenmäßige Entwicklung, wenn auch auf einem etwas niedrigerem Niveau, zeigt sich auch bei den Studierenden ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife. Hier konnte die Quote seit 1997 um rund das Vierfache gesteigert werden. Mit einem aktuellen Anteil von rund 2,1 Prozent an allen Studierenden im Bundesgebiet ist ebenfalls der bisherige Höchstand erreicht. Dass das Studium bei vielen beruflich Qualifizierten auch von Erfolg gekrönt ist, zeigt die wachsende Zahl an Hochschulabsolvent(inn)en ohne (Fach-)Abitur. Während die amtliche Statistik 1997 gerade mal 528 Nicht-Abiturient(inn)en zählte, die ein Studium erfolgreich beenden konnten, sind es im aktuellen Berichtsjahr 8116 und damit ungefähr 15 Mal soviele.  Das spiegelt sich auch im quantitativen Verhältnis Studienfänger(innen) zu Absolvent(inn)en wider. Blickt man zwei Jahrzehnte zurück, kamen auf 100 Erstsemester ohne schulische HZB rund 34 Absolvent(inn)en ohne schulische HZB. Nunmehr hat sich das Verhältnis auf 100:56 gesteigert.

Studium ohne Abitur deutlich selbstverständlicher als noch vor 20 Jahren

 

Betrachtet man die jüngsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2017 mit denen aus dem Vorjahr, so zeigt sich ebenfalls etliche Aufwärtstrends. Die höchste Wachstumsrate weist die Studienanfänger(innen)quote mit einem Plus von 0,3 Prozentpunkten auf, gefolgt von dem Absolvent(inn)enanteil, welcher um 0,2 Prozentpunkte gestiegen ist. Der Studierendenanteil ist mit einem geringen Plus von 0,05 Prozentpunkten hingegen gegenüber 2016 fast unverändert geblieben. Nichtsdestotrotz ist die absolute Zahl der Studierenden ohne schulische HZB erneut um mehrere Tausend nach oben geklettert: 59.304 Personen dieser Gruppe befinden sich nach derzeitigem Stand im deutschen Hochschulsystem.

Seit 2012 steigt die Anzahl der Hochschulabschlüsse bei den Personen, die sich ausschließlich über den beruflichen Weg für ein Studium qualifiziert haben, jährlich um rund 1.000. Insgesamt wurden seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zum „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ im Jahr 2009 bereits mehr als 40.440 beruflich qualifizierte Hochschulabsolvent(innen) erfolgreich in den Arbeitsmarkt entlassen. Ein Studium über eine berufliche Qualifizierung zu erreichen und am Ende auch erfolgreich abzuschließen ist damit in Deutschland deutlich normaler geworden als noch vor 20 Jahren. Auch wenn ein Studium ohne (Fach-)Abitur immer noch eher die Ausnahme als die Regel ist, so sind die Ausnahmen doch sehr viel häufiger geworden. 

Nachfolgende Grafik fasst die quantitative Entwicklung der letzten sechs Jahre zusammen:


Die Frage, inwiefern der sprunghafte Anstieg der Zahlen der Studienanfänger(innen) in den Jahren nach dem Öffnungsbeschluss der KMK von 2009 von diesem beeinflusst war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wie die Einzelanalysen zur Situation in den Bundesländern zeigen (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal), hat ein großer Teil der Bundesländer erst im Sommer 2010 oder sogar erst im Laufe des Jahres 2011 mit Gesetzesanpassungen auf den KMK-Beschluss reagiert. Nimmt man die im Jahr 2012 zu beobachtende, rückläufige Bewegung bei den Anteilen der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) in neun Bundesländern hinzu, scheint die Wirkung noch nicht allzu umfassend zu sein. Was sowohl den sprunghaften Anstieg der Zahlen in 2010 und 2011, als auch die etwas differenzierteren Entwicklungen zwischen 2012 und 2017 angeht, ist vielmehr davon auszugehen, dass es sich um das Ergebnis eines Bündels von Maßnahmen handelt, die zum Teil bereits vor dem KMK-Beschluss in die Wege geleitet worden sind. So konnte bereits in der Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) von 2009 festgestellt werden, dass eine Reihe von Bundesländern, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Hessen, seit geraumer Zeit dabei waren die Bedingungen für den Hochschulzugang ohne Abitur zu verbessern. Zudem hatten auch einige Hochschulen begonnen mit besonderen Angeboten auf berufserfahrene Studierende zuzugehen. Nicht zuletzt findet das Thema „Studieren ohne Abitur“ auch in den Medien große Beachtung, was die Sensibilität der Öffentlichkeit für dieses Thema fördert. Alles in allem ist die Entwicklung beim Studium ohne Abitur zwischen 1997 und 2017 also das Ergebnis eines allmählichen, auf mehreren Ebenen stattfindenden Prozesses.

Beruflich Qualifizierte ähnlich erfolgreich wie traditionelle Studierende

Bundesweite Untersuchungen zum Abbruchverhalten von beruflich qualifizierten Studierenden gibt es in Deutschland wenige und wenn, kommen Sie oft zu widersprüchlichen Aussagen. Laut der jüngsten Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) haben Studierende ohne Abitur vor allem in der Anfangsphase des Studiums ein höheres Abbruchrisiko als Studierende mit allgemeiner Hochschulreife oder Fachhochschulreife. Je länger sich beruflich qualifizierte Studierende jedoch im Studium befinden, desto weniger unterscheiden sie sich von traditionellen Studierenden und sind ähnlich erfolgreich (vgl. Wolter et la. 2017: Nicht-traditionelle Studierende: Studienverlauf, Studienerfolg und Lernumwelten. Hannover).

Allgemein ist die Studienabbruchquote im deutschen Hochschulsystem sehr hoch und auch die Einführung des zweistufigen Bachelor-Master-Studiensystems im Zuge des Bologna-Prozesses hat hier noch keine wirkliche Abhilfe geschaffen. Im Bachelorstudium lag die Studienabbruchquote 2016 im Bundesdurchschnitt bei 28 Prozent, wobei die Abbruchneigung in Universitäten höher ist als in fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Im Vergleich zum Bachelorstudium brechen deutlich weniger Masterstudierende ihr Studium ab. An Universitäten und Fachhochschulen liegt der Anteil hier gleichermaßen durchschnittlich bei 19 Prozent (vgl. Heublein / Schmelzer 2018: Die Entwicklung der Studienabbruchquote an den deutschen Hochschulen. Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2016).

Westdeutsche Hochschulen haben weiterhin die Nase vorn

Eine Gegenüberstellung der Entwicklungen beim Studium zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt, dass zwischen 2012 und 2017 zwar in beiden Teilen ein Aufschwung stattgefunden hat, doch ist dieser jeweils auf sehr unterschiedlichem Niveau verlaufen. Die deutlichsten Differenzen zwischen den ost- und westdeutschen Bundesländern zeigen sich mit Blick auf den Anteil der beruflich qualifizierten Studienanfänger(inne)n:

 

Die Nachfrage nach einem Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife ist in den neuen Bundesländern insgesamt weit schwächer ausgeprägt als in den alten Bundesländern, jedoch wächst diese seit 2015 stetig weiter an. Das ist in den alten Bundesländern anders, wo sich eine Art Wellenbewegung der Quoten über die Jahre abzeichnet. So haben sich im Jahr 2017 rund 93 Prozent aller Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben. Eine mögliche Erklärung für die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland beim Studium ohne Abitur könnte die Tatsache sein, dass 83 Prozent aller Studienangebote, die für beruflich Qualifizierte zugänglich sind, an westdeutschen Hochschulen angeboten werden. Gleichwohl hat sich die Diskrepanz beim Studium im Vergleich zu den Jahren 2012-2014 in jüngster Zeit etwas verringert. Ein Grund dafür könnte die, im Bundesbildungsbericht 2018 generell festgestellte, verstärkte West-Ost-Wanderung der deutschen Studienanfänger(innen) der letzten Jahre sein (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2018: Bildung in Deutschland 2018. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Wirkungen und Erträgen von Bildung, S. 157).

Die Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Bundesländern setzen sich auch bei den Studierendenzahlen fort:

.

Dennoch: Aufwärtstrend in Ostdeutschland

Der Anteil von Studierenden ohne (Fach-)Abitur in den ostdeutschen Bundesländern verzeichnet, laut den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2017, ein klares Plus und erreicht mit rund 1,4 Prozent den bisherigen Höchststand. Insbesondere in den Jahren 2012-2015 bewegte sich der Anteil an Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife in den ostdeutschen Bundesländern auf einem eher gleichbleibenden Niveau. In den westdeutschen Bundesländern hingegen stieg der Studierendenanteil im selben Zeitraum mehr oder weniger kontinuierlich an. Im aktuellen Berichtsjahr 2017 wird dieses Wachstum moderat fortgesetzt. Die aktuelle Quote der beruflich qualifizierten Studierenden in Westdeutschland liegt aktuell bei 2,2 Prozent. Damit herrscht im Vergleich der neuen und alten Bundesländer beim Studium ohne Abitur wie bereits 2016 eine Diskrepanz der Studierendenanteile von 0,8 Prozentpunkten. Betrachtet man allerdings die absoluten Zahlen, fällt der Unterschied zwischen Ost und West sehr viel prägnanter aus. Während 2017 in den westdeutschen Bundesländern rund 55.000 beruflich Qualifizierte studieren, sind es in den ostdeutschen Bundesländern knapp 4.100.

Klafften die Anteile der Absolvent(inn)en ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife zwischen den neuen und alten Bundesländern in den vergangenen zwei Jahren immer weiter auseinander, nähern sie sich in diesem Berichtsjahr durch ein deutlich stärkeres Wachstum in den neuen Bundesländern als in den alten erneut an:

 

Einen neuen Höchststand erreichen in 2017 sowohl die Quote der Absolvent(inn)en ohne schulische HZB in den westdeutschen Bundesländern mit 1,7 Prozent als auch in den ostdeutschen Bundesländern mit 1,1 Prozent. Damit übersteigt dieser Wert in den ostdeutschen Bundesländern nun erstmals die 1-Prozent-Marke.