Quantitative Entwicklung in Deutschland

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat das Studium ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife einen nahezu durchgängigen Wachstumstrend erlebt.

Neuer Höchststand bei Studierenden ohne Abitur

Waren es 1997 in ganz Deutschland nur 1.568 Personen, die ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) ein Studium aufnahmen, sind es 2019 mit 14.736 Erstsemestern rund neun Mal soviele. Prozentual gesehen, ist der Anteil der Studienanfänger*innen, die über den beruflichen Weg an die Hochschule gelangt sind, an allen Studienanfänger*innen im Bundesgebiet im selben Zeitraum ebenfalls deutlich gestiegen, und zwar von 0,6 Prozent auf mittlerweile 2,9 Prozent.

Eine anteilsmäßig ähnliche Entwicklung, wenn auch auf niedrigerem Niveau, zeigt sich bei den Studierenden ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife. Hier konnte die Quote seit 1997 um rund das Vierfache gesteigert werden. Mit einem aktuellen Anteil von 2,2 Prozent an allen Studierenden im Bundesgebiet wird ebenfalls der bisherige Höchststand erreicht. Die absoluten Zahlen verdeutlichen das Wachstum: 1997 haben 8.477 Studierende ohne schulische HZB studiert, 2019 sind es bereits 63.856 Personen - so viele wie noch nie zuvor. 

Dass das Studium bei vielen beruflich Qualifizierten von Erfolg gekrönt ist, zeigt die deutlich wachsende Zahl an Hochschulabsolvent*innen ohne Abitur oder Fachhochschulreife. Während die amtliche Statistik 1997 nur 528 Nicht-Abiturient*innen zählte, die ein Studium erfolgreich beenden konnten, sind es im aktuellen Berichtsjahr 8.547 und damit rund 16 Mal soviele. Im Berichtsjahr 2019 beträgt der Anteil der Hochschulabsolvent*innen ohne Abitur an allen Hochschulabsolvent*innen in Deutschland 1,7 Prozent. 1997 lag diese Quote noch bei 0,2 Prozent.

Auch das quantitative Verhältnis der Studienfänger*innen zu den Absolvent*innen spiegelt die positive Entwicklung wider. Blickt man auf das Studium ohne Abitur im Jahr 1997 zurück, kamen auf 100 Erstsemester ohne schulische HZB rund 34 Absolvent*innen ohne (Fach-)Abitur. Nunmehr hat sich das Verhältnis auf 100:58 gesteigert.

Insgesamt wurden seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zum „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ im Jahr 2009 bereits mehr als 57.715 beruflich qualifizierte Hochschulabsolvent*innen erfolgreich in den Arbeitsmarkt entlassen. Ein Studium über den sogenannten "Dritten Bildungsweg" zu beginnen und am Ende erfolgreich abzuschließen, ist damit in Deutschland deutlich normaler geworden als noch vor rund 20 Jahren. Auch wenn ein Studium ohne Abitur immer noch eher die Ausnahme als die Regel ist, so ist die Zahl der Ausnahmen doch deutlich gestiegen.

Dritter Bildungsweg deutlich etablierter als noch vor 20 Jahren

 

Beim Vergleich der Zahlen aus dem Jahr 2019 mit denen des Vorjahrs ist bei den Studierenden ohne Abitur weiterhin ein positiver Trend zu erkennen. Im aktuellen Berichtsjahr sind 1.749 Personen mehr an deutschen Hochschulen und Universitäten eingeschrieben als noch im Jahr zuvor. Die Studierendenquote steigt damit um 0,04 Prozent, sodass in dieser Kategorie ein neuer Höchststand zu verzeichnen ist. Der Anteil der Studienanfänger*innen bleibt dagegen auf dem Vorjahresniveau von 2,9 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das einen leichten Rückgang an Erstsemestern um 101 Personen. Die Quote der Hochschulabsolvent*innen beträgt im selben Zeitraum 1,67 Prozent, was einen geringen Rückgang von 0,08 Prozent, d.h. 181 Personen, bedeutet.

Die Frage, inwiefern der sprunghafte Anstieg der Studienanfänger*innen in den Jahren nach dem Öffnungsbeschluss der KMK von 2009 von diesem beeinflusst war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wie die Analysen zur Situation in den einzelnen Bundesländern zeigen, hat ein großer Teil erst im Sommer 2010 oder im Laufe des Jahres 2011 mit Gesetzesanpassungen auf den KMK-Beschluss reagiert. Insgesamt scheint der Aufwärtstrend das Ergebnis eines Bündels unterschiedlicher Maßnahmen zu sein, von denen einige bereits vor dem KMK-Beschluss in die Wege geleitet worden sind. So konnte bereits in einer früheren Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) festgestellt werden, dass eine Reihe von Bundesländern, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Hessen, schon länger bemüht waren, die Bedingungen für den Hochschulzugang ohne Abitur zu verbessern. Zudem hatten auch einige Hochschulen begonnen, mit besonderen Angeboten auf berufserfahrene Studierende zuzugehen.

Seit rund zehn Jahren findet das Thema „Studieren ohne Abitur“ in den Medien steigende Beachtung, was zur Bekanntheit dieser alternativen Art des Hochschulzugangs und damit auch zum Waschstum der Einschreibungen von beruflich Qualifizierten mit Sicherheit beigetragen hat. Alles in allem ist die Entwicklung beim Studium ohne Abitur zwischen 1997 und 2019 als Ergebnis eines allmählichen, auf mehreren Ebenen stattfindenden Prozesses zu sehen.

Beruflich Qualifizierte ähnlich erfolgreich wie traditionell Studierende

Bundesweite Untersuchungen zum Abbruchverhalten von beruflich qualifizierten Studierenden gibt es in Deutschland wenige und wenn, kommen sie oft zu widersprüchlichen Aussagen. Ein Forschungsprojekt des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) kommt zu dem Ergebnis, dass beruflich qualifizierte Studierende ohne Abitur oder Fachhochschulreife ähnlich erfolgreich sind wie Studierende mit (Fach-)Abitur. So unterscheiden sich die Abschlussnoten nicht-traditionell Studierender kaum von denen der Studierenden mit Abitur oder Fachhochschulreife. Beim Abbruch zeigt sich hingegen ein höheres Risiko, was darauf zurückgeführt wird, dass diese Personengruppe häufig in Fernstudiengängen eingeschrieben ist (vgl. Dahm/Kerst 2019: Wie erfolgreich sind Studierende mit und ohne Abitur? Ein bundesweiter Vergleich zu Studienerfolg und Studienleistungen).

Laut einer weiteren Studie des DZHW haben Studierende ohne Abitur vor allem in der Anfangsphase des Studiums ein höheres Abbruchrisiko als Studierende mit allgemeiner Hochschulreife oder Fachhochschulreife. Je länger sich beruflich qualifizierte Studierende jedoch im Studium befinden, desto weniger unterscheiden sie sich von traditionell Studierenden und sind ähnlich erfolgreich (vgl. Wolter et al. 2017: Nicht-traditionelle Studierende: Studienverlauf, Studienerfolg und Lernumwelten).

Zu beachten ist, dass die Studienabbruchquote im deutschen Hochschulsystem allgemein sehr hoch ist. So lag die Studienabbruchquote im Bachelorstudium 2018 im Bundesdurchschnitt bei 28 Prozent, wobei die Abbruchneigung an Universitäten höher ist als an Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Im Vergleich zum Bachelorstudium brechen deutlich weniger Masterstudierende ihr Studium ab. An Universitäten und Fachhochschulen liegt der Anteil hier durchschnittlich bei 17 Prozent (vgl. Heublein/Richter/Schmelzer 2020: Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland).

Ostdeutsche Hochschulen holen auf

Eine Gegenüberstellung der Entwicklungen beim Studium ohne Abitur zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt, dass sich die Quoten im Berichtsjahr 2019 stark angenähert haben. So ist 2019 ein erheblicher Sprung bei dem Anteil der beruflich qualifizierten Studienanfänger*innen zu erkennen:

Die quantitative Nachfrage nach einem Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife ist in den ostdeutschen Bundesländern schwächer ausgeprägt als in den westdeutschen Bundesländern. Beim Anteil der Studienanfänger*innen ohne Abitur im Vergleich zu allen Erstsemestern ist 2019 jedoch ein großer Sprung zu erkennen. Die Quoten in Ost und West haben sich stark angenähert, sodass die ostdeutschen Bundesländer nur noch 0,22 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von 2,9 Prozen liegen und die westdeutschen Bundesländer nur noch 0,03 Prozent darüber liegenl. Größtenteils liegt dieser Zuwachs an der Tatsache, dass die Internationale Hochschule IUBH ihren Hauptsitz von Nordrhein-Westfalen nach Thüringen verlegt hat.

Dennoch sind im Jahr 2019 rund 89 Prozent aller Studienanfänger*innen ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben. Eine mögliche Erklärung für die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland beim Studium ohne Abitur könnte die Tatsache sein, dass der größte Teil der Studienangebote, die für beruflich Qualifizierte zugänglich sind, an westdeutschen Hochschulen angeboten werden. Gleichwohl hat sich diese Diskrepanz im Vergleich zu den Vorjahren verringert. Auch das Statistische Bundesamt stellt in seiner Pressemitteilung fest, dass Deutschlands Osten attraktiv für Studienanfänger*innen aus dem Westen ist.

Die Annäherung der Quoten in den west- und ostdeutschen Bundesländern setzen sich auch bei den Studierenden fort:

Aufwärtstrend bestätigt

Der Anteil von Studierenden ohne Abitur an allen Studierenden in den ostdeutschen Bundesländern ist 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent angestiegen, und zwar von 1,5 auf 2,6 Prozent. Damit liegt Ostdeutschland klar über dem gesamtdeutschen Bundesdurchschnitt vom 2,21 Prozent. Die westdeutschen Bundesländer liegen mit einer Quote von 2,16 Prozent knapp darunter. Bei Betrachtung der Anzahl der Studierenden in den Jahren 2018 und 2019 fällt auf, dass sich die Zahl der Studierenden in den ostdeutschen Bundesländern nahezu verdoppelt hat. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Studierenden in den westdeutschen Bundesländern um 2.403 Personen ab. Auch dies hängt u. a. mit Verlegung des Hauptstandorts der Internationalen Hochschule IUBH zusammen. Dennoch ist auch in dieser Kategorie festzustellen, dass 87 Prozent der Studierenden an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben sind.

Bei den Anteilen der Absolvent*innen ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife ist der Unterschied zwischen den west- und ostdeutschen Bundesländern in den vergangenen zwei Jahren gleich geblieben:

 

Nach Jahren mit steigenden Zahlen an Hochschulabsolvent*innen ist in Deutschland im Berichtsjahr 2019 erstmals ein leichter Rückgang zu beobachten. Dieser scheint sich jedoch nur auf westdeutsche Hochschulen zu beziehen, da in den ostdeutschen Bundesländern nach wie vor ein Anstieg beziehungsweise ein neuer Höchststand an Absolvent*innen zu verzeichnen ist. Im bundesweiten Vergleich machen die 734 ostdeutschen Hochschulabsolvent*innen aber lediglich einen Anteil von rund neun Prozent aus.

Der Anteil der Hochschulabsolvent*innen ohne Abitur schrumpft im Jahr 2019 sowohl in ost- als auch in westdeutschen Bundesländern ebenfalls leich um 0,08 Prozent. Im aktuellen Berichtsjahr liegt der Osten mit 1,3 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von 1,67 Prozent. Im Westen beträgt die Quote 1,71 Prozent. Diese liegt leicht über dem Bundesdurchschnitt.