Quantitative Entwicklung in Deutschland insgesamt

Stetig steigende Studienplatznachfrage

Im Bundesgebiet gab es in den zurückliegenden Jahren einen kontinuierlichen Wachstumstrend bei den Zahlen der Studienanfänger(innen), Studierenden und Absolvent(inn)en ohne Abitur. Nach einem sprunghaften Anstieg hin zum Jahr 2010, nahmen die Zahlen in den darauffolgenden Jahren stetig zu. Zwischen 2010 und 2014 hat sich der Anteil der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) im bundesweiten Durchschnitt von rund 2 auf 2,8 Prozent erhöht. In absoluten Zahlen entspricht dies knapp 14.000 beruflich qualifizierten Studienanfänger(inne)n im Jahr 2014.

Insgesamt sieht die deutschlandweite quantitative Entwicklung bei den Studien­anfänger(inne)n, Studierenden und Absolvent(inn)en ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) in der Langfrist­perspektive wie folgt aus:

 

Wie die obige Abbildung deutlich macht, sind zwischen 2002 und 2014 auch die Anteile der Studierenden und Absolvent(inn)en ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife bundesweit angestiegen. Bei den Studierenden ist ein Zuwachs um 1,15 Prozentpunkte zu beobachten. Dieser Anteil hat sich damit, ähnlich wie der Anteil der Studienanfänger(innen), in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt. In absoluten Zahlen entspricht dies einem Zuwachs von 36.198 Personen. Allein zwischen 2010 und 2014 vergrößerte sich die Gruppe der beruflich qualifizierten Studierenden um mehr als 24.000.

Der Anteil der Hochschulabsolvent(inn)en ohne Abitur weist zwar eine weniger stark ausgeprägte, dennoch ebenfalls kontinuierliche Entwicklung auf. Im Jahr 2014 wurde die Marke von einem Prozent deutlich überschritten. Dies entspricht 5.315 beruflich qualifizierten Studierenden, die in dem Jahr ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, gegenüber 2.856 Personen in 2010. Aus der Langfristperspektive ist die Dynamik noch ausgeprägter. So hat sich die Quote von Absolvent(inn)en von 1997 bis 2014 mehr als verfünffacht, was eine Steigerung in absoluten Zahlen von 528 auf 5.315 Personen bedeutet.

Dass die Zuwächse bei den Studierenden- und Absolvent(inn)enquoten zurückhaltender ausfallen als bei den Studienanfänger(innen)quoten, liegt auf der Hand. So führt eine Steigerung der Studienanfänger(innen)quote nicht gleich zu einer ausgeprägten Zunahme der Studierendenquote. Vielmehr wirkt die geringere Nachfrage aus den vorherigen Jahren noch eine gewisse Zeit nach. Der steigende Anteil von Studienanfänger(inne)n ohne Abitur wird erst mit einiger Verzögerung zu sichtbaren Veränderungen führen.

Aussagekräftige bundesweite Untersuchungen zum Abbruchverhalten von beruflich qualifizierten Studierenden existieren in Deutschland nicht. Einen hierüber Auskunft gebenden Zusammenhang zwischen den in der obigen Abbildung gezeigten Quoten der Studienanfänger(innen), Studierenden und Hochschulabsolvent(inn)en ohne Abitur und Fachhochschulreife herzustellen, ist nicht möglich. Die zur Verfügung stehenden Daten lassen eine Verfolgung nach Kohorten nicht zu. So lässt sich nicht sagen, wie hoch die Studienabbrecher­(innen)quoten bei Nicht-Abiturient(inn)en sind oder ob diese Gruppe das Studium seltener oder öfter abbricht als Studierende mit allgemeiner Hochschul- oder Fachhochschulreife. Allgemein ist die Studienabbruchquote im deutschen Hochschulsystem sehr hoch und auch die Einführung des zweistufigen Bachelor-Master-Studiensystems im Zuge des Bologna-Prozesses hat hier noch keine wirkliche Abhilfe geschaffen. Im Bachelorstudium lag die Studienabbruchquote 2010 insgesamt bei 28 Prozent. Detailliert betrachtet gibt es allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Universitäten (33 Prozent) und den Fachhochschulen (23 Prozent). Im Vergleich zum Bachelor-Studium haben deutlich weniger Masterstudierenden ihr Studium abgebrochen. An Universitäten liegt der Anteil hier bei 11 Prozent und 7 Prozent an den Fachhochchschulen (vgl. Heublein et al. 2012: Die Entwicklung der Schwund- und Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen. Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2010, S. 3 & 9f.).

Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland

Eine Gegenüberstellung der Quoten der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) in den alten und in den neuen Bundesländern zeigt, dass sowohl in Ostdeutschland als auch in Westdeutsch­land die Nachfrage nach einem Studium ohne Abitur und Fachhochschulreife zwischen 2002 und 2013 angestiegen ist. Dennoch war dieser Wachstumstrend in den neuen Bundesländern deutlich weniger stark ausgeprägt und auch die Beteiligung lag dort insgesamt deutlich niedriger als in den alten Bundesländern. Diese Diskrepanzen haben sich 2014 noch einmal verschärft. Während für die alten Bundesländer eine Steigerung des Anteils der Studienanfänger(innen) ohne Abitur um 0,22 Prozentpunkte auf 2,97 Prozent zu verzeichnen war, verringerte sich dieser Anteil in den neuen Bundesländern um 0,28 Prozentpunkte auf 1,05 Prozent. Insgesamt betrug der Abstand zwischen den alten und den neuen Bundesländern in 2014 1,92 Prozentpunkte. Dies bedeutet zudem, dass sich im Jahr 2014 über 95 Prozent aller Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben haben.

Auch hinsichtlich der Anteile der Studierenden und der Absolvent(inn)en ohne Abitur sind die Unterschiede stark ausgeprägt. In beiden Fällen erreichte 2014 die Diskrepanz zwischen den neuen und alten Bundesländern ihr höchstes Niveau seit 1997. Bei den Studierenden stehen sich ein Anteil von 1,96 in Westdeutschland und ein Anteil von 0,95 Prozent in Ostdeutschland gegenüber, bei den Absolvent(inn)en sind es 1,20 Prozent und 0,85 Prozent respektive.

 

Über die Gründe für die deutlichen Unterschiede bei den Studienanfänger(innen)quoten zwischen Ost- und Westdeutschland lässt sich nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung wäre beispielsweise die wirtschaftliche Lage. Da das Studium ohne Abitur nur für Personen möglich ist, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung und eine mehrjährige Berufspraxis verfügen, könnte die Zahl der Personen, die in Ostdeutschland für ein Studium ohne Abitur in Frage kommen, aufgrund der dortigen, anhaltend schlechten Arbeitsmarktsituation (Statistisches Bundesamt: Datenreport 2013, S. 118ff.) deutlich geringer sein. Auch die Motivation, ein solch herausforderndes Unter­fangen zu starten, könnte aufgrund schwieriger Jobperspektiven in den neuen Bundes­ländern möglicherweise nicht so hoch sein wie bei Berufserfahrenen in den alten Bundesländern. Angebote von ostdeutschen Hochschulen für ein Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife sind jedenfalls vorhanden (siehe den StudienCheck auf diesem Onlineportal).

Die Frage, inwiefern der sprunghafte Anstieg der Studienanfänger(innen)zahlen in den Jahren nach dem Öffnungsbeschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2009 von diesem beeinflusst war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wie die Einzelanalysen zur Situation in den Bundesländern zeigen (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal), hat ein großer Teil der Bundesländer erst im Sommer 2010 oder sogar erst im Laufe des Jahres 2011 mit Gesetzesanpassungen auf den KMK-Beschluss reagiert. Nimmt man die für 2012 zu beobachtende rückläufige Bewegung bei den Anteilen der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) in neun Bundesländern hinzu, scheint die Wirkung noch nicht allzu umfassend zu sein. Sowohl was den sprunghaften Anstieg der Zahlen in 2010 und 2011, als auch was die etwas differenzierteren Entwicklungen zwischen 2012 und 2014 angeht, ist vielmehr davon auszugehen, dass es sich um das Ergebnis eines Bündels von Maßnahmen handelt, die zum Teil bereits vor dem KMK-Beschluss in die Wege geleitet worden sind. So konnte schon in der Studie des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) von 2009 festgestellt werden, dass eine Reihe von Bundesländern, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Hessen, seit geraumer Zeit dabei waren, die Bedingungen für den Hochschulzugang ohne Abitur zu verbessern. Zudem hatten auch einige Hochschulen begonnen, mit besonderen Angeboten auf berufserfahrene Studierende zuzugehen. Nicht zuletzt fand das Thema „Studieren ohne Abitur“ auch in den Medien große Beachtung, was die Sensibilität der Öffentlichkeit für dieses Thema förderte. Alles in allem ist die Entwicklung bei den Studienanfänger(inne)n ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung zwischen 2007 und 2014 also das Ergebnis eines allmählichen, auf mehreren Ebenen stattfindenden Prozesses.