Quantitative Entwicklung in Deutschland

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat das Studium ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife einen nahezu durchgängigen Wachstumstrend erlebt.

Neuer Höchststand bei Studierenden ohne Abitur

Waren es 1997 in ganz Deutschland nur 1.568 Personen, die ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) ein Studium aufnahmen, hat sich deren Zahl im Jahr 2020 mit 15.161 Erstsemestern nahezu verzehnfacht. Prozentual gesehen, ist der Anteil der Studienanfänger*innen, die über den beruflichen Weg an die Hochschule gelangt sind, an allen Studienanfänger*innen im Bundesgebiet im selben Zeitraum ebenfalls deutlich gestiegen, und zwar von 0,6 Prozent auf mittlerweile 3,1 Prozent. Erstmals wurde damit die Drei-Prozent-Grenze überschritten.

Eine anteilsmäßig ähnliche Entwicklung, wenn auch auf niedrigerem Niveau, zeigt sich bei den Studierenden ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife. Hier steigt die Quote seit 1997 um das Fünffache. Mit einem aktuellen Anteil von 2,2 Prozent an allen Studierenden im Bundesgebiet wird ebenfalls ein neuer Höchststand erreicht. Die absoluten Zahlen verdeutlichen das Wachstum: 1997 haben 8.447 Studierende ohne schulische HZB studiert, im Jahr 2020 sind es bereits 65.916 Personen - so viele wie noch nie zuvor. 

Dass das Studium bei vielen beruflich Qualifizierten von Erfolg gekrönt ist, zeigt die deutlich wachsende Zahl an Hochschulabsolvent*innen ohne Abitur oder Fachhochschulreife. Während die amtliche Statistik 1997 nur 528 Nicht-Abiturient*innen zählte, die ein Studium erfolgreich beenden konnten, sind es im aktuellen Berichtsjahr 8.367 und damit rund 16 Mal soviele. Im Jahr 2020 beträgt der Anteil der Hochschulabsolvent*innen ohne Abitur an allen Hochschulabsolvent*innen in Deutschland 1,8 Prozent. Im Jahr 1997 lag diese Quote noch bei 0,2 Prozent.

 

Auch das quantitative Verhältnis der Studienfänger*innen zu den Absolvent*innen spiegelt die positive Entwicklung wider. Blickt man auf das Studium ohne Abitur im Jahr 1997 zurück, kamen auf 100 Erstsemester ohne schulische HZB rund 34 Absolvent*innen ohne (Fach-)Abitur. Nunmehr ist das Verhältnis auf 100:55 gestiegen.

Dritter Bildungsweg deutlich etablierter als noch vor 25 Jahren

Insgesamt wurden seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zum „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ im Jahr 2009 bereits mehr als 66.082 beruflich qualifizierte Hochschulabsolvent*innen erfolgreich in den Arbeitsmarkt entlassen. Ein Studium über den sogenannten "Dritten Bildungsweg" zu beginnen und am Ende erfolgreich abzuschließen, ist damit in Deutschland deutlich normaler geworden als noch vor 25 Jahren. Die obige Abbildung zeigt, dass ein Studium ohne Abitur immer noch eher die Ausnahme als die Regel ist – die Zahl der Ausnahmen ist jedoch deutlich gestiegen.

Beim Vergleich der Zahlen aus dem Jahr 2020 mit denen des Vorjahrs ist bei den Studierenden ohne Abitur weiterhin ein positiver Trend zu erkennen. Im aktuellen Berichtsjahr sind 2.060 Personen mehr an deutschen Hochschulen und Universitäten eingeschrieben als noch im Jahr zuvor. Die Studierendenquote steigt damit um 0,03 Prozent, sodass in dieser Kategorie ein neuer Höchststand zu verzeichnen ist. Auch der Anteil der Studienanfänger*innen steigt um 0,2 Prozent und liegt aktuell bei 3,1 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das einen Anstieg an Erstsemestern von 425 Personen. Die Quote der Hochschulabsolvent*innen beträgt im selben Zeitraum 1,8 Prozent, was einen Anstieg von 0,1 Prozent bedeutet.

Beruflich Qualifizierte ähnlich erfolgreich wie traditionell Studierende

Bundesweite Untersuchungen zum Abbruchverhalten von beruflich qualifizierten Studierenden gibt es in Deutschland wenige und wenn, kommen sie oft zu widersprüchlichen Aussagen. Ein Forschungsprojekt des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) kommt zu dem Ergebnis, dass beruflich qualifizierte Studierende ohne Abitur oder Fachhochschulreife ähnlich erfolgreich sind wie Studierende mit (Fach-)Abitur. So unterscheiden sich die Abschlussnoten nicht-traditionell Studierender kaum von denen der Studierenden mit Abitur oder Fachhochschulreife. Beim Abbruch zeigt sich hingegen ein höheres Risiko, was darauf zurückgeführt wird, dass diese Personengruppe häufig in Fernstudiengängen eingeschrieben ist (vgl. Dahm/Kerst 2019: Wie erfolgreich sind Studierende mit und ohne Abitur? Ein bundesweiter Vergleich zu Studienerfolg und Studienleistungen).

Laut einer weiteren Studie des DZHW haben Studierende ohne Abitur vor allem in der Anfangsphase des Studiums ein höheres Abbruchrisiko als Studierende mit allgemeiner Hochschulreife oder Fachhochschulreife. Je länger sich beruflich qualifizierte Studierende jedoch im Studium befinden, desto weniger unterscheiden sie sich von traditionell Studierenden und sind ähnlich erfolgreich (vgl. Wolter et al. 2017: Nicht-traditionelle Studierende: Studienverlauf, Studienerfolg und Lernumwelten).

Zu beachten ist, dass die Studienabbruchquote im deutschen Hochschulsystem allgemein sehr hoch ist. So lag die Studienabbruchquote im Bachelorstudium 2018 im Bundesdurchschnitt bei 28 Prozent, wobei die Abbruchneigung an Universitäten höher ist als an Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Im Vergleich zum Bachelorstudium brechen deutlich weniger Masterstudierende ihr Studium ab. An Universitäten und Fachhochschulen liegt der Anteil hier durchschnittlich bei 17 Prozent (vgl. Heublein/Richter/Schmelzer 2020: Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland).

Anteil des Studiums ohne Abitur wächst an Ostdeutschen Hochschulen rasant

Eine Gegenüberstellung der Entwicklungen beim Studium ohne Abitur zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt, dass der Anteil der Studienanfänger*innen ohne Abitur in den ostdeutschen Bundesländern seit 2015 stetig gestiegen ist:

 

Im aktuellen Berichtsjahr 2020 ist der Anteil in den ostdeutschen Bundesländern mit 5,2 Prozent fast doppelt so hoch wie in den westdeutschen Bundesländern. Dieser Zuwachs liegt größtenteils an der Tatsache, dass die IU Internationale Hochschule ihren Hauptsitz von Nordrhein-Westfalen nach Thüringen verlegt hat. Die IU Internationale Hochschule nimmt im Jahr 2020 rund 73 Prozent der Erstsemester ohne (Fach-)Abitur in Ostdeutschland auf. Die Anteile der Studienanfänger*innen ohne Abitur sind daher in Westdeutschland zuletzt deutlich gesunken und liegen mit 2,8 Prozent im Jahr 2020 erstmals unter dem Bundesdurchschnitt von 3,1 Prozent.

Dennoch sind im Jahr 2020 fast 77 Prozent aller Studienanfänger*innen ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben. Eine mögliche Erklärung für die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland beim Studium ohne Abitur könnte die Tatsache sein, dass der größte Teil der Studienangebote, die für beruflich Qualifizierte zugänglich sind, an westdeutschen Hochschulen angeboten werden. Gleichwohl hat sich diese Diskrepanz im Vergleich zu den Vorjahren verringert. Auch das Statistische Bundesamt stellt in einer Pressemitteilung fest, dass Deutschlands Osten attraktiv für Erstsemester aus dem Westen ist.

Die Annäherung der Quoten in den west- und ostdeutschen Bundesländern setzen sich auch bei den Studierenden fort:

Aufwärtstrend bestätigt

Der Anteil von Studierenden ohne Abitur an allen Studierenden in den ostdeutschen Bundesländern ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 0,44 Prozentpunkte angestiegen, und zwar von 2,6 auf 3,0 Prozent. Damit liegt Ostdeutschland klar über dem gesamt-deutschen Bundesdurchschnitt vom 2,2 Prozent. Die westdeutschen Bundesländer liegen mit einer Quote von 2,1 Prozent knapp darunter. Bei Betrachtung der Anzahl der Studierenden fällt der Standortwechsel der IU Internationalen Hochschule ebenfalls ins Gewicht. Im Vergleich zum Jahr 2018 haben sich die absoluten Zahlen mehr als verdoppelt. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Studierenden in den westdeutschen Bundesländern im selben Zeitraum um 2.149 Personen ab. Auch dies hängt u. a. mit Verlegung des Hauptstandorts der IU Internationalen Hochschule zusammen.

Bei den Anteilen der Hochschulabsolvent*innen ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife ist der Unterschied zwischen den west- und ostdeutschen Bundesländern in den vergangenen Jahren eher konstant:

Sowohl in den westdeutschen als auch in den ostdeutschen Bundesländern werden bei den Absolvent*innen ohne schulische HZB neue Höchstwerte erreicht. Der Anteil ist in Westdeutschland im Jahr 2020 auf 1,8 Prozent geklettert, in Ostdeutschland auf 1,4 Prozent. Dies bedeutet einen Zuwachs von jeweils 0,1 Prozent. Im bundesweiten Vergleich machen die 740 ostdeutschen Hochschulabsolvent*innen aber lediglich einen Anteil von rund neun Prozent aus.