Quantitative Entwicklung in Deutschland insgesamt

Zahl der Studierenden ohne Abitur erreicht neuen Höchststand

Im Bundesgebiet gab es in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten einen ausgeprägten Wachstumstrend bei den Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife. So hatte sich der Anteil dieser Gruppe an allen Erstsemestern im Bundesgebiet von 0,6 Prozent im Jahr 1997 auf 2,8 Prozent im Jahr 2014 erhöht. Die jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2015 zeigen in dieser Kategorie nun erstmals einen leicht rückläufigen Trend. So ist der prozentuale Anteil auf 2,5 Prozent gesunken ebenso wie die absolute Zahl, die aktuell 12.500 beträgt. Im Vorjahr waren es noch rund 14.000 Personen, die über eine berufliche Qualifizierung an die Hochschule gelangt sind.

Zuwächse sind dagegen bei den Studierenden und Absolvent(inn)en in diesem Bereich zu verzeichnen. So vergrößerte sich die Gruppe der beruflich qualifizierten Studierenden zwischen 2010 und 2015 absolut gesehen um fast das Doppelte und erreicht mit nunmehr 51.000 Personen einen neuen Höchststand. Ihr Anteil an allen deutschen Studierenden stagniert allerdings und liegt wie im Vorjahr bei 1,9 Prozent.

Gestiegen ist auch die Quote der Absolvent(inn)en, die ohne schulische HZB ein Studium erfolgreich zu Ende geführt haben. Ihr Anteil an allen Hochschulabsolvent(inn)en bundesweit beträgt aktuell 1,3 Prozent, was einer absoluten Zahl von 6241 entspricht. Im Vergleich dazu wurden im Jahr 1997 bundesweit nur 528 Personen in dieser Kategorie gezählt. Absolut gesehen hat sich die Zahl der beruflich qualifizierten Hochschulabsolvent(inn)en also mehr als verzehnfacht und erreicht ebenso wie die Zahl der Studierenden nunmehr einen neuen Höchststand. Insgesamt wurden seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zum „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ im Jahr 2009 bereits mehr als 25.000 Personen aus dieser Gruppe erfolgreich in den Arbeitsmarkt entlassen.

Nachfolgende Grafik fasst die quantitative Entwicklung in der Langfrist­perspektive von 2010 bis 2015 noch einmal zusammen:

 

Bundesweite Untersuchungen zum Abbruchverhalten von beruflich qualifizierten Studierenden gibt es in Deutschland nur wenige und wenn, kommen Sie größtenteils zu widersprüchlichen Aussagen. Gesichertes Wissen fehlt hier weiterhin. Einen schlüssigen Zusammenhang zwischen den in der obigen Abbildung gemachten Angaben zu Studienanfänger(innen), Studierenden und Hochschulabsolvent(inn)en ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife herzustellen, ist nicht möglich. Die zur Verfügung stehenden Daten lassen eine Verfolgung nach Kohorten nicht zu und sind somit nicht sauber zuzuordnen. So kann beispielsweise aus einer Gegenüberstellung der Daten zu Studienanfänger(inne)n und Absolvent(inn)en nicht geschlussfolgert werden, wie hoch die Studienabbrecher­(innen)quoten bei Nicht-Abiturient(inn)en ist. Um in diesem Punkt zu abgesicherten Aussagen zu kommen, bedürfte es vertiefter wissenschaftlicher Untersuchungen.

Allgemein ist die Studienabbruchquote im deutschen Hochschulsystem sehr hoch und auch die Einführung des zweistufigen Bachelor-Master-Studiensystems im Zuge des Bologna-Prozesses hat hier noch keine wirkliche Abhilfe geschaffen. Im Bachelorstudium lag die Studienabbruchquote 2012 insgesamt bei 28 Prozent. Detailliert betrachtet gibt es allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Universitäten (33 %) und den Fachhochschulen (23 %). Im Vergleich zum Bachelor-Studium haben deutlich weniger Masterstudierende ihr Studium abgebrochen. An Universitäten liegt der Anteil hier bei 11 Prozent und 7 Prozent an den Fachhochschulen (vgl. Heublein et al. 2014: Die Entwicklung der Studienabbruchquote an den deutschen Hochschulen. Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2012, S. 3 u. 9f.).

Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern

Eine Gegenüberstellung der Entwicklungen beim Studium zwischen den alten und neuen Bundesländern zeigt, dass zwischen 2010 und 2015 zwar in beiden Teilen ein Aufschwung stattgefunden hat, doch ist dieser jeweils auf sehr unterschiedlichem Niveau verlaufen. Die deutlichsten Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zeigen sich mit Blick auf den Anteil der beruflich qualifizierten Studienanfänger(inne)n:  

 

Die Nachfrage nach einem Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife ist in den neuen Bundesländern insgesamt weit schwächer ausgeprägt als in den alten Bundesländern, obwohl sich die Diskrepanz im Vergleich zu den vorherigen drei Jahren aktuell etwas entschärft hat. Während für die neuen Bundesländer eine Steigerung des Anteils der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) um 0,28 Prozentpunkte auf 1,33 Prozent zu verzeichnen ist, verringert sich dieser Anteil seit 2010 erstmals in den alten Bundesländern und geht um 0,36 Prozentpunkte auf 2,61 Prozent zurück. Der Abstand zwischen den alten und den neuen Bundesländern kann somit von 1,92 Prozentpunkten in 2014 auf 1,28 Prozentpunkte in 2015 reduziert werden. Eine mögliche Erklärung dafür könnte die im Bildungsbericht 2016 dargestellte, generell verstärkte West-Ost-Wanderung aller deutschen Studienanfänger(innen) im Wintersemester 2014/15 sein. Das Verhältnis war vor einigen Jahren noch umgekehrt (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016: Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, S. 127). Dennoch haben sich im Jahr 2015 rund 94 Prozent aller Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben.

Die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern setzen sich auch bei den Studierendenzahlen fort:

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Höhere Steigerungsraten im Westen als im Osten

Der Studierendenanteil in den ostdeutschen Bundesländern verzeichnet laut den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2015 ein leichtes Plus und erreicht mit aktuellen 0,98 Prozent nahezu den bisherigen Höchststand von 2013. Seit 2012 bewegt sich der Anteil an Studierenden ohne Abitur und Fachhochschulreife in den ostdeutschen Bundesländern auf einem ähnlichen Niveau. In den westdeutschen Bundesländern hingegen stieg der Studierendenanteil immer weiter an. Im aktuellen Jahr 2015 lässt sich trotz eines erneuten Wachstums der absoluten Zahlen erstmals jedoch ein stagnierender Anteil an Studierenden ohne schulische HZB an den westdeutschen Hochschulen beobachten. Somit liegt der Anteil in 2015 wie bereits im Jahr zuvor bei 1,96 Prozent. Trotzdem steigerten die alten Bundesländer ihren Studierendenanteil beim Studium ohne Abitur und Fachhochschulreife zwischen 2010 und 2015 um 0,74 Prozentpunkte und verdoppelten nahezu die absolute Anzahl an beruflich Qualifizierten ohne schulische HZB an den westdeutschen Hochschulen. Damit herrscht im Vergleich der neuen und alten Bundesländer beim Studium ohne Abitur eine Diskrepanz der Studierendenanteile von 0,98 Prozentpunkten. 

Auch die Anteile an Absolvent(inn)en ohne Abitur und Fachhochschulreife in den neuen und alten Bundesländern klaffen über die Jahre 2010 bis 2015 immer weiter auseinander. Die aktuellen Zahlen des Jahres 2015 bekräftigen diesen Trend ein weiteres Mal:

 

Während die Quote der Absolvent(inn)en ohne schulische HZB in den alten Bundesländern wie bereits in den vergangenen drei Jahren weiter steigt und aktuell bei 1,36 Prozent liegt, verzeichnen die ostdeutschen Hochschulen 2015 ein leichtes Minus auf einen Wert von 0,83 Prozent. Dies bedeutet eine aktuelle Diskrepanz von 0,53 Prozentpunkten zwischen Ost- und Westdeutschland, was den bisher größten Unterschied der Absolvent(inn)enanteile ohne Abitur und Fachhochschulreife seit 2010 ausmacht.

Über die Gründe für die deutlichen Unterschiede beim Studium ohne Abitur zwischen Ost- und Westdeutschland lässt sich nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung wäre beispielsweise die wirtschaftliche Lage. Da das Studium ohne Abitur nur für Personen möglich ist, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung und eine mehrjährige Berufspraxis verfügen, könnte die Zahl der Personen, die in Ostdeutschland für ein Studium ohne Abitur in Frage kommen, aufgrund der dortigen, anhaltend schlechten Arbeitsmarktsituation (Statistisches Bundesamt: Datenreport 2013, S. 118ff.) deutlich geringer sein. Auch die Motivation, ein solch herausforderndes Unter­fangen zu starten, könnte aufgrund schwieriger Jobperspektiven in den neuen Bundes­ländern möglicherweise nicht so hoch sein wie bei Berufserfahrenen in den alten Bundesländern. Angebote von ostdeutschen Hochschulen für ein Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife sind jedenfalls vorhanden (siehe den StudienCheck auf diesem Onlineportal).

Die Frage, inwiefern der sprunghafte Anstieg der Studienanfänger(innen)zahlen in den Jahren nach dem Öffnungsbeschluss der KMK von 2009 von diesem beeinflusst war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wie die Einzelanalysen zur Situation in den Bundesländern zeigen (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal), hat ein großer Teil der Bundesländer erst im Sommer 2010 oder sogar erst im Laufe des Jahres 2011 mit Gesetzesanpassungen auf den KMK-Beschluss reagiert. Nimmt man die für 2012 zu beobachtende rückläufige Bewegung bei den Anteilen der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) in neun Bundesländern hinzu, scheint die Wirkung noch nicht allzu umfassend zu sein. Sowohl was den sprunghaften Anstieg der Zahlen in 2010 und 2011, als auch was die etwas differenzierteren Entwicklungen zwischen 2012 und 2015 angeht, ist vielmehr davon auszugehen, dass es sich um das Ergebnis eines Bündels von Maßnahmen handelt, die zum Teil bereits vor dem KMK-Beschluss in die Wege geleitet worden sind. So konnte schon in der Studie des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) von 2009 festgestellt werden, dass eine Reihe von Bundesländern, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Hessen, die seit geraumer Zeit dabei waren, die Bedingungen für den Hochschulzugang ohne Abitur zu verbessern. Zudem hatten auch einige Hochschulen begonnen, mit besonderen Angeboten auf berufserfahrene Studierende zuzugehen. Nicht zuletzt fand das Thema „Studieren ohne Abitur“ auch in den Medien große Beachtung, was die Sensibilität der Öffentlichkeit für dieses Thema förderte. Alles in allem ist die Entwicklung beim Studium ohne Abitur zwischen 2007 und 2015 also das Ergebnis eines allmählichen, auf mehreren Ebenen stattfindenden, Prozesses.