Quantitative Entwicklung in Deutschland insgesamt

Zahl der Studierenden ohne Abitur erreicht bundesweit neuen Höchststand

Im Bundesgebiet gibt es in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten einen deutlichen Wachstumstrend bei den Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife. So hatte sich deren Anteil an allen Erstsemestern im Bundesgebiet von 0,6 Prozent im Jahr 1997 auf 2,8 Prozent im Jahr 2014 erhöht. 2015 zeigten sich in dieser Kategorie erstmals leicht rückläufige Tendenzen. Davon ist im aktuellen Berichtsjahr 2016 nichts mehr zu sehen. Der Wert steigt wieder leicht, auf nun 2,6 Prozent, was genau 13.132 Erstsemester(inne)n ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) entspricht. Es ist abzuwarten, ob sich die Quote der Studienanfänger(innen) ohne Abitur auf dem relativ konstanten Niveau zwischen 2,5 - 2,8 Prozent in den kommenden Jahren weiter stabilisiert.

Ähnlich sieht es bei den Studierenden sowie den Absolvent(inn)en ohne Abitur aus. Rund 57.000 Menschen studieren aktuell ohne schulische HZB, was einem Anteil von erstmals 2 Prozent an allen Studierenden im Bundesgebiet entspricht. Damit ist die Quote nun etwa vier Mal so hoch wie noch vor 20 Jahren. Damals studierten lediglich 8.550 Personen in ganz Deutschland ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife. Ähnlich prägnant fällt auch die Entwicklung der Absolvent(inn)enquote aus. Konnte im Jahr 1997 eine nur sehr kleine Gruppe von 530 Nicht-Abiturient(inn)en (0,2 %) ein Studium erfolgreich beenden, schafften dies im Jahr 2016 insgesamt bereits 7.200 Personen (1,5 %). Seit 2012 steigt die Anzahl der Hochschulabschlüsse bei den Personen, die sich ausschließlich über den beruflichen Weg für ein Studium qualifiziert haben, jährlich um rund 1.000. Insgesamt wurden seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zum „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ im Jahr 2009 bereits mehr als 32.000 Personen aus dieser Gruppe erfolgreich in den Arbeitsmarkt entlassen. Ein Studium über eine berufliche Qualifizierung zu erreichen und am Ende auch abzuschließen ist damit in Deutschland deutlich normaler geworden, wenngleich es natürlich immer noch kein Regelfall ist.

Nachfolgende Grafik fasst die quantitative Entwicklung in der Langfrist­perspektive von 2011 bis 2016 noch einmal zusammen:


Die Frage, inwiefern der sprunghafte Anstieg der Zahlen der Studienanfänger(innen) in den Jahren nach dem Öffnungsbeschluss der KMK von 2009 von diesem beeinflusst war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wie die Einzelanalysen zur Situation in den Bundesländern zeigen (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal), hat ein großer Teil der Bundesländer erst im Sommer 2010 oder sogar erst im Laufe des Jahres 2011 mit Gesetzesanpassungen auf den KMK-Beschluss reagiert. Nimmt man die im Jahr 2012 zu beobachtende, rückläufige Bewegung bei den Anteilen der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) in neun Bundesländern hinzu, scheint die Wirkung noch nicht allzu umfassend zu sein. Was sowohl den sprunghaften Anstieg der Zahlen in 2010 und 2011, als auch die etwas differenzierteren Entwicklungen zwischen 2012 und 2016 angeht, ist vielmehr davon auszugehen, dass es sich um das Ergebnis eines Bündels von Maßnahmen handelt, die zum Teil bereits vor dem KMK-Beschluss in die Wege geleitet worden sind. So konnte schon in der Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) von 2009 festgestellt werden, dass eine Reihe von Bundesländern, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Hessen, seit geraumer Zeit dabei waren die Bedingungen für den Hochschulzugang ohne Abitur zu verbessern. Zudem hatten auch einige Hochschulen begonnen mit besonderen Angeboten auf berufserfahrene Studierende zuzugehen. Nicht zuletzt findet das Thema „Studieren ohne Abitur“ auch in den Medien große Beachtung, was die Sensibilität der Öffentlichkeit für dieses Thema fördert. Alles in allem ist die Entwicklung beim Studium ohne Abitur zwischen 2007 und 2016 also das Ergebnis eines allmählichen, auf mehreren Ebenen stattfindenden, Prozesses.

Studienabbruch bei beruflich qualifizierten Studierenden

Bundesweite Untersuchungen zum Abbruchverhalten von beruflich qualifizierten Studierenden gibt es in Deutschland wenige und wenn, kommen Sie größtenteils zu widersprüchlichen Aussagen. Laut der jüngsten Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) haben Studierende ohne Abitur ein höheres Abbruchrisiko als Studierende mit Abitur. Gleichwohl wird aber auch gesagt, dass beide Gruppen schwer miteinander zu vergleichen sind (vgl. Wolter et la. 2017: Nicht-traditionelle Studierende: Studienverlauf, Studienerfolg und Lernumwelten. Hannover). Einen schlüssigen Zusammenhang zwischen den, in der obigen Abbildung gemachten, quantitativen Angaben zu Studienanfänger(innen), Studierenden und Hochschulabsolvent(inn)en ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife herzustellen, ist nicht möglich. Die zur Verfügung stehenden Daten lassen eine Verfolgung nach Kohorten nicht zu und sind somit nicht sauber zuzuordnen. So kann beispielsweise aus einer Gegenüberstellung der Daten zu Studienanfänger(inne)n und Absolvent(inn)en nicht geschlussfolgert werden, wie hoch die Studienabbrecher­(innen)quoten bei Nicht-Abiturient(inn)en sind. Um in diesem Punkt zu abgesicherten Aussagen zu kommen, bedürfte es vertiefter wissenschaftlicher Untersuchungen.

Allgemein ist die Studienabbruchquote im deutschen Hochschulsystem sehr hoch und auch die Einführung des zweistufigen Bachelor-Master-Studiensystems im Zuge des Bologna-Prozesses hat hier noch keine wirkliche Abhilfe geschaffen. Im Bachelorstudium lag die Studienabbruchquote 2015, je nach Fachrichtung, zwischen 21 und 39 Prozent (vgl. Heublein et al. 2015: Studienbereichspezifische Qualiätssicherung im Bachelorstudium).  Im Vergleich zum Bachelor-Studium brechen deutlich weniger Masterstudierende ihr Studium ab. An Universitäten liegt der Anteil hier bei 11 Prozent und 7 Prozent an den Fachhochschulen (vgl. Heublein et al. 2014: Die Entwicklung der Studienabbruchquote an den deutschen Hochschulen. Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2012).

Weiterhin mehr Einschreibungen an westdeutschen Hochschulen

Eine Gegenüberstellung der Entwicklungen beim Studium zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt, dass zwischen 2011 und 2016 zwar in beiden Teilen ein Aufschwung stattgefunden hat, doch ist dieser jeweils auf sehr unterschiedlichem Niveau verlaufen. Die deutlichsten Differenzen zwischen den ost- und westdeutschen Flächenländern zeigen sich mit Blick auf den Anteil der beruflich qualifizierten Studienanfänger(inne)n:  

 

Die Nachfrage nach einem Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife ist in den neuen Bundesländern insgesamt weit schwächer ausgeprägt als in den alten Bundesländern. So haben sich im Jahr 2016 rund 93 Prozent aller Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an einer westdeutschen Hochschule eingeschrieben. Eine mögliche Erklärung für die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland beim Studium ohne Abitur könnte die Tatsache sein, dass 83 Prozent aller Studienangebote, die für beruflich Qualifizierte zugänglich sind, an westdeutschen Hochschulen angeboten werden. Gleichwohl hat sich die Diskrepanz beim Studium im Vergleich zu den Jahren 2012-2014 in jüngster Zeit etwas verringert. Ein Grund dafür könnte die, im Bundesbildungsbericht 2016 generell festgestellte, verstärkte West-Ost-Wanderung der deutschen Studienanfänger(innen) im Wintersemester 2014/15 sein (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016: Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration).

Die Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Bundesländern setzen sich auch bei den Studierendenzahlen fort:

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Dennoch Plus bei der Studierendenquote in Ostdeutschland

Der Studierendenanteil in den ostdeutschen Bundesländern verzeichnet, laut den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2016, ein klares Plus und erreicht mit 1,3 Prozent den bisherigen Höchststand. Insbesondere in den Jahren 2011-2015 bewegte sich der Anteil an Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife in den ostdeutschen Bundesländern auf einem eher gleichbleibenden Niveau. In den westdeutschen Bundesländern hingegen stieg der Studierendenanteil im selben Zeitraum mehr oder weniger kontinuierlich an. Im aktuellen Berichtsjahr 2016 wird dieses Wachstum umso stärker fortgesetzt, sodass die aktuelle Quote der Studierenden ohne Abitur in Westdeutschland erstmals über die 2-Prozent-Marke klettert und bei nun 2,1 Prozent liegt. Damit herrscht im Vergleich der neuen und alten Bundesländer beim Studium ohne Abitur eine Diskrepanz der Studierendenanteile von 0,82 Prozentpunkten. Betrachtet man die absoluten Zahlen, wird der Unterschied zwischen Ost und West nochmals deutlicher. Während 2016 in den westdeutschen Bundesländern beinahe 53.000 beruflich Qualifizierte studieren, sind es in den ostdeutschen Bundesländern nur 4.000.

Immer weiter auseinander klaffen über die Jahre die Anteile an Absolvent(inn)en ohne Abitur und Fachhochschulreife zwischen den neuen und alten Bundesländern. Die aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2016 bekräftigen diesen Trend ein weiteres Mal:

 

Während die Quote der Absolvent(inn)en ohne schulische HZB in den westdeutschen Bundesländern, wie bereits in den vergangenen vier Jahren, durchschnittlich weiter steigt und somit in 2016 mit 1,6 Prozent erneut einen eigenen Höchstwert erreicht, verzeichnen die ostdeutschen Hochschulen 2016 nur ein marginales Plus von 0,02 Prozentpunkten. Daraus folgt, dass sich die Absolvent(inn)enquote mit einen aktuellen Wert von 0,85 Prozent seit drei Jahren auf einem nahezu gleichen Niveau bewegt. Dies bedeutet eine aktuelle Diskrepanz von 0,7 Prozentpunkten zwischen Ost- und Westdeutschland, was den bisher größten Unterschied der Absolvent(inn)enanteile ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife seit 1997 ausmacht.