Quantitative Entwicklung in den Bundesländern

Hamburg und Nordrhein-Westfalen an der Spitze

Der generelle Boom beim Studieren ohne Abitur ist nicht in allen Bundesländern gleichermaßen zu beobachten. Im Gegenteil: Die Spreizung bei der quantitativen Entwicklung ist sehr groß. Dies gilt für die beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen), Studierenden und Absolvent(inn)en.

Was die Quoten der Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife anbelangt, so haben sich sowohl bei den Spitzenreitern als auch bei den Schlusslichtern einige bemerkenswerte Verschiebungen zwischen den Jahren 2002 und 2014 ergeben.

 

Die beiden Bundesländer mit den höchsten Studienanfänger(innen)quoten im Jahr 2014 waren Hamburg (5,60 %) und Nordrhein-Westfalen (5,06 %). Damit liegen erstmalig zwei Länder oberhalb der Marke von fünf Prozent. Berlin, das in den letzten Jahren zusammen mit Hamburg und Nordrhein-Westfalen das Spitzentrio bildete, ist nach einem Rückgang der Studienanfänger(innen)quote in 2014 auf 3,84 Prozent etwas abgefallen. Dennoch liegt der Stadtstaat nach wie vor deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 2,77 Prozent. Dies gilt 2014 für nur ein einziges weiteres Bundesland, und zwar Rheinland-Pfalz, das im Einklang mit dem kontinuierlichen Anstieg des Anteils der Studienanfänger(innen) ohne Abitur und Fachhochschulreife an der Gesamtheit der Studienanfänger(innen) in den letzten Jahren diesen gegenüber 2013 noch einmal um 0,1 Prozentpunkte auf 3,03 Prozent erhöhen konnte.

Den Spitzenplatz im Bundesländervergleich nimmt wie bereits in den letzten beiden Jahren Hamburg ein, und zwar mit einer gegenüber 2013 deutlich erhöhten Quote von 5,60 Prozent Studienanfänger(inne)n ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung. Die Entwicklung dieser Quote unterliegt in Hamburg großen Schwankungen. So wurde bereits 2002 die aktuelle Spitzenquote von 5,60 Prozent erreicht, wohingegen im Jahr 2011 nur der siebte Platz des Bundesländervergleichs erreicht wurde. Es ist anzunehmen, dass verschiedene Faktoren auf diese Veränderungen eingewirkt haben. Zu dem starken Abwärtstrend nach 2002 beigetragen hat vermutlich die Schließung der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) im Jahr 2005. Die Hochschule war seit den 1950er Jahren auf das Studium ohne Abitur spezialisiert und zog aufgrund ihres Profils Studierende aus dem gesamten Bundesgebiet an. Inzwischen ist die HWP als „Fachbereich Sozialökonomie“ in die Universität Hamburg integriert. Hinzu kommen schließlich Probleme bei der Datenerfassung (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal), die bezogen auf Hamburg zu einer Untererfassung in verschiedenen Jahren geführt haben. Bei den Daten ab 2012 scheinen jene Probleme behoben worden zu sein. Nunmehr, d.h. im Jahr 2014, liegt die Quote beruflich qualifizierter Studienanfänger(innen) im Stadtstaat wieder bei 5,60 Prozent, was den ersten Platz im Bundesländervergleich bedeutet. Abzuwarten bleibt, wie sich die im Dezember 2014 hochschulgesetzlich verankerte 3 Prozent-Vorabquote für beruflich qualifizierte Bewerber(innen) in den kommenden Jahren auf die Anzahl der Studienanfänger(innen) ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung auswirken wird.

Die zweithöchste Quote im Jahr 2014 wies Nordrhein-Westfalen mit 5,06 Prozent Studienanfänger(inne)n ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife auf. Im Jahr 2010 konnte das Bundesland in diesem Punkt einen sprunghaften Anstieg auf 4,23 Prozent verzeichnen. Dieses hohe Niveau konnte mit einigen Schwankung bis zum Jahr 2014 noch einmal um 0,83 Prozentpunkte auf 5,06 Prozent gesteigert werden. Auf der rechtlichen Ebene wurden schon seit 2003 sukzessive die Zugangsmöglichkeiten zum Studium ohne Abitur verbessert. Mit den 2010 vorgenommenen Änderungen der Berufsbildungshochschulzugangsverordnung geht das Bundesland bei der Öffnung des Hochschulzugangs für Bewerber(innen) ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung sogar über den KMK-Beschluss hinaus (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal). Die in der Verordnung getroffenen Regelungen sind auch nach Inkrafttreten des Hochschulzukunftsgesetzes im September 2014 weiterhin maßgeblich für Bewerber(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife. Großen Anteil an dem guten Abschneiden des nordrhein-westfälischen Hochschulsystems hat auch die FernUniversität in Hagen, die bei Studierenden ohne Abitur seit Jahren überdurchschnittlich stark nachgefragt ist (näher dazu siehe den Vergleich der quantitativen Entwicklung nach Hochschultypen und Trägerschaft). Relevant in diesem Zusammenhang sind auch private Hochschulen im Land, die unter anderem über Fernstudienangebote zu der Ausweitung des Studiums ohne Abitur in Nordrhein-Westfalen beigetragen haben.

Gehörte Hessen vor einiger Zeit noch zur Spitzengruppe im Bundesländervergleich, befindet es sich nach den jüngsten Zahlen auf dem sechsten Platz. Nach einem Nachfragezuwachs in den Jahren 2011 und 2012 ist danach ein Rückgang zu verzeichnen. Insofern liegt Hessen mit 2,01 Prozent bei dem Anteil der Studienanfänger(innen) ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung 2014 nunmehr deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 2,77 Prozent. Möglicherweise erlebte Hessen aufgrund seiner für Anfang der 2000er Jahre ungewöhnlich niedrigschwelligen Zugangsbedingungen zum Studium ohne Abitur und Fachhochschulreife ein Nachfragehoch, welches mit der Zeit etwas abgeebbt ist, weil andere Bundesländer hier nachgezogen haben. 2010 hat das Bundesland Hessen sein Hochschulgesetz auf Basis der KMK-Vorgaben novelliert.

Ebenfalls einen erneuten Rückgang der Quote der Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife zwischen 2013 und 2014 weist Mecklenburg-Vorpommern auf, dessen Quote von 2,22 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Im Bundesländervergleich belegte das Bundesland 2011 noch den zweiten Platz. Nach einem starken Zuwachs im Jahr 2011 ist hin zum Jahr 2014 sukzessive wieder eine Annäherung an das Ausgangsniveau von 2010 erfolgt. Als ein wesentlicher Faktor für den allgemeinen Aufwärtstrend vor 2012 erwiesen sich damals vor allem auch die zahlreichen Aktivitäten der Hoch­schulen des Landes bei der Schaffung besonderer Studienangebote, für die auch offensiv geworben wurde (näher dazu siehe die bundeslandbezogenen Informationen in diesem Onlineportal). Dabei spielt auch eine Rolle, dass gerade Hochschulen in strukturschwachen Gebieten, wie z. B. die Hochschule Wismar, mit kreativen Ideen versuchen, neue Zielgruppen für das Studium zu erschließen.

Nach leichten Zuwächsen gegenüber 2013 liegen auch Bayern (1,96 %) und Niedersachsen (1,87 %) nur knapp unterhalb einer Quote von Studienanfänger(inne)n ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung von zwei Prozent. Während Bayern damit seinen kontinuierlichen Aufwärtstrend fortgesetzt hat, erreichte Niedersachsen hier 2012 bereits einmal höhere Werte. 

Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Sachsen bilden die Schlusslichter

Die drei Schlusslichter beim Bundesländervergleich der Studienanfänger(innen)quoten bilden zurzeit Baden-Württemberg (1,04 %), Sachsen-Anhalt (0,97 %) und Sachsen (0,43 %). Trotz einer erneuten leichten Steigerung in 2014, bewegt sich der Anteil der Studienanfänger(innen) ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung in Baden-Württemberg mit nur knapp über einem Prozent nach wie vor auf sehr niedrigem Niveau. Sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Sachsen hat sich die Studienanfänger(innen)quote gegenüber 2013 verringert. Berücksichtigt werden muss hier jedoch, dass Sachsen den KMK-Beschluss erst Anfang 2013 umgesetzt hat (näher dazu siehe auch die bundeslandspezifischen Informationen in diesem Onlineportal).

Im Saarland hingegen, das lange Zeit zu der Schlussgruppe im Bundesländervergleich gehörte, wurde die Marke von einem Prozent im Jahr 2014 sichtbar überschritten. Nach einem deutlichen Anstieg des Anteils der Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife an der Gesamtheit der Studienanfänger(innen) um 0,44 Prozentpunkte in 2013, konnte auch für 2014 ein Anstieg um 0,24 Prozentpunkte verzeichnet werden. Die damit erreichten 1,14 Prozent reichen nunmehr für den dreizehnten Platz im Bundesländervergleich.

Insgesamt zeigt die genauere Betrachtung der Entwicklung in den Bundesländern, dass der kontinuierliche Anstieg bei der Quote der beruflich qualifizierten Studienanfänger(innen) zwischen 2007 und 2014 nicht allein auf die Schaffung verbesserter Zugangsbedingungen in den Landeshochschul­gesetzen zurückzuführen ist. Diese stellt zwar eine wichtige Voraussetzung dar, aber in der Regel ist eine erhöhte Beteiligung von Berufserfahrenen an der akademischen Bildung das Resultat eines ganzen Maßnahmenbündels. Dabei spielen Öffentlichkeitsarbeit und die Unterstützung durch Wirtschaftsverbände eine erhebliche Rolle. Der zentrale Faktor ist jedoch die Bereitschaft der Hochschulen, geeignete Beratungs- und Studienangebote bereitzustellen und damit aktiv auf Studierende ohne Abitur und Fachhochschulreife zuzugehen.