Nachfrage nach Studienfächern

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften beliebteste Studienfächer

In der zurückliegenden Dekade war die Fächerwahl der Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife in großen Teilen relativ konstant. Seit dem Wintersemester 2015/16 folgt die Hochschulstatistik jedoch einer neuen Fächersystematik, sodass die Zahlen der Jahre 2015 und 2016 einiger Studienbereiche nicht mehr exakt mit den Vorjahren verglichen werden können. Welche Studienbereiche dies in welcher Form genau betrifft können Sie auf der Unterseite Informationen zu den verwendeten Daten genauer nachlesen. Nachfolgend werden nur solche Studienbereiche mit den Jahren vor 2015 vergleichen, die von den Änderungen nicht betroffen sind.

Die jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2016 zeigen, dass die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, mit einem Anteil von 55,3 Prozent, auf der Beliebtheitsskala der Studienanfänger(innen) ohne Abitur ganz weit oben liegen und das mit einem deutlichen Vorsprung zu den Ingenieurwissenschaften (20,3 %) als zweitplatzierten Studienbereich. Dies entspricht auch in etwa den Präferenzen der Studienanfänger(innen) mit schulischer Hochschulzugangsberechtigung, wo diese beiden Studienbereiche ebenfalls die Spitzenpositionen einnehmen. Jedoch nehmen die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften weniger (38 %) und die Ingenieurwissenschaften etwas mehr (28,3 %) Studienanfänger(innen) mit als ohne Abitur auf.

Mit einer Quote von 11,4 Prozent, was rund 1.500 Studienanfänger(inne)n entspricht, landet die Fächergruppe Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften wie bereits in den zwei Jahren zuvor auf dem dritten Platz beim Vergleich der Fächerwahl von Studierenden ohne Abitur. Dieser Studienbereich kann seinen Anteil von marginalen 0,7 Prozent im Jahr 2002 bis 2016 um rund das 16fache steigern. Ein genauer Blick auf die Aufteilung der Studienanfänger(innen) ohne Abitur getrennt nach Humanmedizin (beinhaltet Human- und Zahnmedizin) und Gesundheitswissenschaften zeigt allerdings, das in der Fächergruppe rund 91 Prozent (rund 1400 Personen) in einem gesundheitswissenschaftlichen Studiengang und und 9 Prozent (rund 150 Personen) in Humanmedizin oder Zahnmedizin eingeschrieben sind. Einen der begehrten und heiß umkämpften Medizin-Studienplatz zu erhalten, ist auch für Personen mit einem Spitzen-Abitur nicht einfach. Dies spiegelt der sehr hohe Numerus Clausus (NC) wider. Der der erforderliche Notendurchschnitt lag zu Beginn des Jahres 2018 im Bereich Humanmedizin je nach Bundesland zwichen 1,0 - 1,3 und  im Bereich Zahnmedizin zwischen 1,2 und 1,6. Aktuelle Informationen zum Thema bietet die Publikation von Sigrun Nickel und Nicole Schulz mit dem Titel Medizin und Pharmazie studieren ohne Abitur, die kostenfrei aus dem Internet geladen werden kann.

Demgegenüber deutlich weniger nachgefragt sind die Fächergruppen Kunst und Kunstwissenschaften (5 %), Geisteswissenschaften (3,3 %) sowie Mathematik und Naturwissenschaften (2,6 %). In diesem Segment lassen sich jedoch zum Teil stark divergierende Entwicklungen ausmachen. Bei den Geisteswissenschaften sowie im Bereich Mathematik, Naturwissenschaften ist ein starker zweistufiger Nachfragerückgang seit 2015 zu beobachten. Beide Rückgänge sind hier vermutlich zum Großteil den Anfangs erwähnten Änderungen in der Fächersystematik der Hochschulstatistik zum Wintersemester 2015/16 zuzuschreiben.

Mit Nachfragewerten von unter 2 Prozent werden die Studienbereiche Agrar-, Forst-, Ernährungswissenschaften und Veterinärmedizin (1,4 %), Sport (0,2 %) und sonstige Studienbereiche außerhalb der Studienbereichsgliederung (0,05 %) bei den Studienanfänger(innen) ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife am seltensten nachgefragt.


Auch in Zukunft großer Bedarf an Fächkräften im MINT-Bereich

Einer der zentralen Push-Faktoren für das Thema „Studieren ohne Abitur“ ist der von der Wirtschaft häufig beklagte Fachkräftemangel. Dabei steht die Mangelsituation bei den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) besonders im Blickpunkt: „Die Verfügbarkeit von MINT-Qualifikationen hat eine zentrale Bedeutung für die Innovationskraft der deutschen Volkswirtschaft. Dies zeigen nicht zuletzt verschiedene Unternehmensbefragungen […]. Auch der Branchenvergleich im MINT-Frühjahrsreport zeigt dies deutlich […]. Der Report zeigt auch für Chancen in der Sozialen Marktwirtschaft besondere Bezüge von MINT. MINT bietet sehr gute Arbeitsmarktbedingungen, Einkommensperspektiven, Chancen für Bildungsaufstieg und erfolgreiche Integration. Auch vor diesem Hintergrund motivieren die aktuellen Arbeitsmarktengpässe alle in MINT-Initiativen aktiven Kräfte, sich für eine Stärkung der MINT-Bildung zu engagieren“ (Institut der deutschen Wirtschaft: MINT-Frühjahrsreport 2017, S. 65). Insgesamt ist die Zahl der offenen Stellen in Deutschland in diesem Bereich von 104.800 im Jahr 2005 auf 430.400 im April 2017 gestiegen. Davon entfallen rund 129.800 Stellen auf Ausschreibungen in MINT-Expertentätigkeiten, bei denen in der Regel Akademiker(innen) gesucht werden (ebd., S. 54-55).

Hinzu kommt die Bewältigung der in nicht allzu ferner Zukunft bevorstehenden Herausforderung, die sich durch die demografische Entwicklung ergibt und eine immer älter werdende Belegschaft in MINT-Berufen aufzeigt. Laut aktueller Zahlen des MINT Frühjahrsreports 2017 beträgt der bundesdurchschnittliche Anteil der Beschäftigten ab 55 Jahren an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in MINT-Berufen 17,6 Prozent. Jedoch kommt auf die südlichen und nördlichen Bundesländer eine deutlich geringere demografische Herausforderung zu, als auf sämtliche östliche Bundesländer (mit Ausnahme Berlins) (ebd, S.48-49). Insofern könnte u.a. durch verbesserte Möglichkeiten beim Studium ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife die Zahl geeigneter Fachkräfte in diesem Sektor möglicherweise gesteigert werden. Gemessen an den absoluten Zahlen scheinen diese Hoffnungen berechtigt zu sein. Studierten 2002 noch 666 Erstsemester(innen) in den Fächergruppen Mathematik und Naturwissenschaften sowie Ingenieurwissenschaften, sind es 2016 bereits 3.000 Personen. Somit hat sich deren Anzahl nahezu verfünffacht.