Christel Lang: Wirtschaftsingenieurwesen ohne Abitur

Christel Lang studiert Wirtschaftsingenieurwesen – ohne Abitur. Dank einer abgeschlossenen kaufmännischen Ausbildung und 3 Jahren Berufserfahrung hat die alleinerziehende Mutter eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung. Heute ist die 31-Jährige stolz auf ihr Durchhaltevermögen, denn sie musste sich viel erarbeiten.

„Ich möchte den Leuten Mut machen, es zu versuchen, auch ohne Abitur.“

Eigentlich hatte Christel Lang das Gymnasium besucht, doch während der Pubertät ein wenig den Anschluss verloren. Sie wechselte auf die Realschule und fand die Lust am Lernen wieder. Die Regeln waren strenger und die Betreuung besser, erinnert sie sich. Die Realschule schloss sie erfolgreich ab und fand direkt im Anschluss einen Ausbildungsplatz. „Ich habe großes Glück gehabt“, sagt sie heute, sie lernte Bürokauffrau bei der renommierten Daimler-Chrysler-Bank (heute: Mercedes-Benz-Bank) in Düsseldorf. Die IHK-Prüfung bestand sie bravourös.  Noch heute schwärmt sie: „Meine Ausbildung war schon eine tolle Zeit.“

Im Anschluss bekam Christel Lang sogar ein Stipendium zur beruflichen Weiterbildung angeboten, doch sie entschied sich für die Weiterbeschäftigung in der Zentrale in Stuttgart. Schon während der Ausbildung hatte sie immer wieder Zeit für Seminare dort verbracht. Doch in der großen Zentrale lebte sie sich nur schwer ein, das war nicht ihre Welt. Ein Jahr hält sie durch. Ihre Stelle war nach der Ausbildung ohnehin nur befristet, zudem erwartete sie inzwischen ein Kind.

„Ich habe mir meinen Neuanfang gemacht und das war auch gut so.“

Als ihr Sohn das Kindergartenalter erreichte, fing auch Christel Lang wieder an über ihre beruflichen Perspektiven nachzudenken und für sie war klar, das kann noch nicht alles gewesen sein. Und so kämpfte sie sich zurück. Beginnend mit kleineren Nebenjobs, stieg sie wieder in ihren alten Beruf ein. Als Bürokauffrau bearbeitete sie halbtags fast 5 Jahre lang die Abrechnungen für einen Elektriker. (Später werden ihr von der Universität wegen der Teilzeit-Anstellung insgesamt knapp 3 Jahre Berufserfahrung angerechnet.) Christel Lang aber sucht die Veränderung – einen Neuanfang.

Ihre Interessen sind vielseitig, ein Faible für technische Details hatte sie schon immer: „Mein erster Berufswunsch war Bauzeichnerin. Ich habe ein gewisses Händchen für technische Dinge.“ Nach und nach begann sie sich über ihre Möglichkeiten zu informieren. Eine weitere Berufsausbildung zog sie in Betracht, doch die Aussicht auf ein Azubi-Gehalt bei einer 40 Stunden Woche wirkte auf die alleinerziehende Mutter abschreckend: „Das ist mit Kind der Super-Gau.“ Durch ihre Recherche stieß sie auf ihren BAföG-Anspruch und entdeckte die Möglichkeit des Studierens ohne Abitur. Das war neu: „Als ich das heraus gefunden hatte, habe ich wirklich losgelegt.“, erinnert sich Christel Lang heute.

Nun begann ein bürokratischer Marathon. Was wollte sie studieren? Berufsbegleitend oder Teilzeit? Das kam letztlich nicht in Frage: „Alleinerziehend, Arbeiten und Studieren, das wäre wahrscheinlich eine Nummer zu groß gewesen.“ Christel Lang wusste sofort, sie will nicht ausschließlich BWL studieren. Ihr Interesse gilt den Ingenieurstudiengängen. Sie entschied sich für Wirtschaftsingenieurwesen, so kann sie ihr technisches Interesse mit ihrem bisherigen Beruf verbinden. Doch durch die Fachgebundenheit entscheidet allein die Hochschule für welche Studiengänge sie mit ihrer Qualifizierung in Frage kommt.

An jede einzelne Hochschule musste sie sich wenden und dies blieb nicht die einzige Hürde. Die Bewerbungsfristen sind anders als für Studieninteressierte mit Abitur, teilweise braucht es 6-8 Monate Vorlaufzeit. Viele Hochschulen fordern Eignungstest, andere reagieren eher forsch auf beruflich Qualifizierte, die an einer Universität Ingenieurwesen studieren wollen. Die größte Schwierigkeit aber war, „dass es keine bundeseinheitliche Regelungen für den Hochschulzugang ohne Abitur gibt.“

Letztendlich hat sich Christel Lang an 2 Hochschulen für Wirtschaftsingenieurwesen beworben. Die Fachgebundenheit hat es ihr zwar nicht leichter gemacht, „sie hat mich aber auch beschützt, zu viel auf einmal zu wollen und in den falschen Studiengang zu schlittern.“ Der kaufmännische Teil im Wirtschaftsingenieurstudium gibt ihr zumindest in 50% der Fächer eine gewisse Sicherheit.

An beiden Hochschulen wurde sie zugelassen. Christel Lang entschied sich für die TU Clausthal, für einen Umzug von über 600 km, für das Landleben - für den Neuanfang.

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, während ihre Familie eher skeptisch reagierte, sie gab schließlich ihren sicheren Arbeitsplatz auf, hat sie auch viel Zuspruch für ihren Mut bekommen. Heute können sich viele ihr Studium immer noch nicht vorstellen und wissen nicht was es bedeutet bei hohen Anforderungen an der TU Clausthal zu studieren, aber die Unterstützung wächst auf allen Seiten.

Auch ihre Kommilitonen begegnen ihr sehr positiv: „Ich glaube, manchmal ist es für mich mehr ein Thema als für die anderen.“ An der Universität hat sie sich inzwischen gut integriert und ist sich sicher, die ausstehenden Semester und Prüfungen zu meistern. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in den mathematischen Fächern, hat sie sich durch gekämpft und diese Klausuren ebenfalls bestanden. „Ich musste erst mal ganz klassisch wieder das Lernen lernen, ich war da so lange raus“, beschreibt Christel Lang ihr erstes Semester. Schnell hat sie ihr eigenes Tempo entdeckt, ihren Stundenplan selbstständig gestaltet und sich nicht zu viel auf einmal vorgenommen. Heute, im 4. Semester, merkt sie, dass das gut für sie funktioniert: „Wenn ich mich unter den Kommilitonen mit Abitur umhöre, ist mein Schnitt nicht schlecht.“ Es fällt ihr oft leichter den Bezug zur Praxis herzustellen, neben Lebenserfahrung hat sie einige fachliche Kompetenzen gesammelt: „Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich schon irgendwas besser kann als jemand, der von der Schule kommt, obwohl es vielleicht doch so ist.“

Im Nachhinein stellt sie fest, dass ein Abitur sicher hilfreich gewesen wäre, aber nicht notwendig, viel schwerer liegt die lange Zeitspanne zwischen Berufsschule und Universität. Aber sie hat sich gut arrangiert, sie arbeitet viel mit ihren Kommilitonen zusammen: „Networking ist das Wichtigste und das wirklich Rangehen.“ Auch die Hochschule zeigt sich im Punkt Familienunterstützung flexibel, es lassen sich Lösungen finden, wenn sie nicht mehr nach 18 Uhr eine Vorlesung besuchen kann. Nach erstem Erstaunen zeigten sich auch die Professoren hilfreich und standen ihr mit Ratschlägen beiseite.

Für die Zukunft hat Christel Lang sich vorgenommen in den nächsten 2,5 Jahren ihr Studium zu beenden, um dann als Wirtschaftsingenieurin in den Beruf einzusteigen. Wo sie arbeiten will, weiß sie schon ganz genau, doch bis sie dort angekommen ist, bleibt das ihr Geheimnis. Christel Lang ist stolz auf das, was sie bisher erreicht hat und glücklich über ihren Neuanfang:  „Wenn ich meinen Abschluss habe, dann kann ich sagen, jetzt habe ich es euch allen gezeigt.“

Anderen will sie Mut machen, ebenfalls diesen Schritt zu gehen, wenn man bereit ist 3 bis 4 Jahre an der Sache dran zu bleiben: „Macht es, aber seid euch bewusst, es ist ein hartes Stück Arbeit und ihr braucht Durchhaltevermögen!“

Quelle: Das Interview führten Jan Thiemann und Katharina Neubert (CHE).