Michael Käseberg: Betriebswirtschaftslehre ohne Abitur neben Familie und Beruf

Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Michael Käseberg hat nach sechs Semestern alle Prüfungen absolviert. Er hat nur noch das Praxissemester und seine Bachelorarbeit vor sich, spätestens Mitte 2017 ist er studierter Betriebswirt. Das Besondere: Der Brandenburger ist 47 Jahre alt, voll berufstätiger Familienvater und studiert ohne Abitur an der Technischen Hochschule Brandenburg (THB).

Bild: Heike Schulze

Im Gegensatz zu den meisten Studenten blickt Michael Käseberg schon auf ein fast 30-jähriges Berufsleben zurück. Nach zehn Jahren an der Lenin-Oberschule und der Ausbildung zum Facharbeiter für Maschinen- und Anlagenbau hat er als Instandhalter im Baumaschinenkombinat (BMK Ost) und in der VEB Folienerzeugnisse gearbeitet.

Bei seinem heutigen Arbeitgeber ZF in der Caasmannstraße hat er sich seit 1992 vom Monteur zum Verantwortlichen im internen Logistikbereich hochgearbeitet. „Ohne Hochschulabschluss habe ich damit das Ende der Fahnenstange erreicht“, erzählt der Vater von Janine (23) und Lucas (5). Neben seinem Beruf paukte er als Fernstudent der THB, um den Bachelor in Betriebswirtschaftslehre (BWL) zu erreichen.

„Ich wollte eigentlich immer studieren, aber dann sprachen entweder zeitliche, familiäre oder gesundheitliche Gründe dagegen“, erzählt der Göttiner. Der Wechsel bei ZF in die Logistik sei so etwas wie die Initialzündung für den schlummernden Studienwunsch gewesen. Doch es gab ein hohes Hindernis, nämlich das „Killerkriterium Abitur“. Ohne Abitur keine Hochschulzulassung.

2012 ermöglichte die Fachhochschule seiner Heimatstadt unter bestimmten Voraussetzungen erstmals auch Menschen ohne Abitur den Zugang. Michael Käseberg erfüllt zwar diese Voraussetzungen. „Doch ohne den Rückhalt meiner Frau und meiner Familie hätte ich das trotzdem nicht geschafft“, versichert er.

Nicht nur das Geld fürs Fernstudium muss erst einmal aufgebracht werden: 611 Euro pro Semester, ein vergleichsweise günstiger Tarif. Die Zeit ist für einen voll berufstätigen Menschen mit Familie knapp bemessen. Michael Käseberg opferte den gemütlichen Feierabend mehrmals in der Woche den Stunden am Schreibtisch.

Jeden zweiten Freitagnachmittag und den kompletten Samstag steuerte er die Vorlesungen und Übungen in der Magdeburger Straße an, um die ständigen Klausuren mit Erfolg zu bewältigen.

Michael Käseberg setzte sich zunächst kleinere Ziele: die Vorbereitungskurse bestehen, die mathematischen Kenntnisse verbessern, Grundlagen in der englischen Sprache erwerben, denn an seiner Schule hatte er keinen Englischunterricht bekommen. Nach zwei Semestern wurde klar: Das Ziel Bachelorabschluss ist erreichbar.

Ob und inwieweit der akademische Abschluss das berufliche Weiterkommen fördert ist offen. „Ich erweitere aber bestimmt meine Möglichkeiten“, sagt der BWL-Student. Ihn motiviert nicht nur der künftige Berufsweg, sondern auch die persönlicher Weiterentwicklung.

Für sich selbst hat der Getriebewerker durchs Studium viel gelernt, das wissenschaftliche Recherchieren zum Beispiel, das strukturierte, prozessorientierte Abarbeiten von Aufgaben, der bessere Blick für betriebs- und volkswirtschaftliche Probleme und Lösungen.

Ein Theoretiker ist aus Michael Käseberg gleichwohl nicht geworden. Sein Studium sei praxisnah, die einzelnen Module des Studiengans erlebt er als praxisnah. So hat auch das Thema seiner Bachelorarbeit einen handfesten Bezug. Sein Thema dreht sich um Material- und Transportflüsse innerhalb eines Unternehmens.

Davon versteht der Profilogistiker etwas. Seit mehreren Jahren arbeitet er bei Zf verantwortlich im Behältermanagement. „Strukturiert und strategisch zu denken habe ich hier richtig gelernt“, versichert Käseberg.

Von Jürgen Lauterbach (Quelle: www.maz-online.de)