Tina Siebert: Jura studieren ohne Abitur

Tina Siebert besitzt weder Abitur noch Fachhochschulreife und dennoch studiert sie seit Oktober 2012 Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Die Basis dafür sind ihre abgeschlossenen Ausbildungen als Sozialversicherungsfachangestellte und Justizfachwirtin sowie ihre zweijährige Berufserfahrung. Hinzu kommt ein Fortbildungsabschluss als Wirtschaftsfachwirtin IHK. Aufgrund dieser beruflichen Qualifikationen erhielt sie die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung und konnte sich an den Berliner Universitäten um einen Studienplatz bewerben.
Finanzielle Unterstützung erhält sie durch ein Aufstiegsstipendium der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB). Diese Förderung ermöglicht es ihr, ihren Traum von einem Studium auch ohne Abitur zu verwirklichen.

„Bereits während der Schulzeit hatte ich ein festes Ziel vor Augen: Ich wollte studieren, Sozialpädagogik sollte es sein.“ Heute treibt der 26-Jährigen der Gedanke an diesen Studienwunsch ein Schmunzeln auf die Lippen. Der erste Versuch die Fachhochschulreife zu erlangen scheiterte bereits nach vier Wochen. Sie bemerkte, dass sie nicht ausreichend auf einen Schulwechsel vorbereitet war. „Die Anforderungen und der Druck waren viel höher als in der Realschule.“ So brach die damals 16-Jährige die Schule ab. Obwohl dieses Vorgehen für sie stimmig war, würde sie dennoch Personen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, empfehlen, die Schule zu beenden: „Am Ende kommt man einfach schneller an sein Ziel.“

Ein Grundausbildungslehrgang für kaufmännische Ausbildungsberufe folgte. Tina Siebert entschied sich für eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten in der Rentenversicherung. Sie schloss diese Ausbildung mit sehr guten Leistungen ab und begann anschließend eine weitere Ausbildung zur Justizfachwirtin. Ein Umzug nach Stuttgart war erforderlich und ein zweites Mal startete Tina Siebert den Versuch, die Fachhochschulreife zu erreichen mit Spezialisierung auf den Bereich Wirtschaft. Die Schule brach sie diesmal aus gesundheitlichen Gründen ab. Ein weiteres Mal scheiterte der Wunsch nach einem akademischen Bildungsweg.

Ihre Ausbildung schloss sie dagegen mit guten Leistungen ab und kehrte in ihre Geburtsstätte Berlin zurück. Diese Zeit war für sie eine Bestandsaufnahme. „Ich fragte mich, was aus mir werden solle, was ich anfangen könnte mit diesem von mir eingeschlagenen Werdegang. War es das, was ich wirklich wollte? Wollte ich nicht eigentlich Sozialpädagogik studieren?“ Eine Phase der Arbeitslosigkeit schloss sich an. „Ich ließ mich aber nicht entmutigen. Mein Ziel war es, ein Studium zu beginnen.“

Glücklicherweise erfuhr sie im Internet vom Aufstiegsstipendium der Bundesregierung. „Ich bewarb mich und informierte mich über alle notwendigen Erfordernisse.“ Ein Studium an einer privaten Hochschule wäre zu teuer gewesen, auch mit der Förderung, denn dieses Studium wäre dort nur berufsbegleitend möglich gewesen. Also entschloss sich Tina Siebert, in Vollzeit an einer staatlichen Hochschule zu studieren. Doch wie konnte sie die Zugangsberechtigung erhalten? „Ich absolvierte eine Fortbildung zur Wirtschaftsfachwirtin IHK, dabei war mir bewusst, dass ich hierfür nur drei Monate Vorbereitungszeit investieren musste und ein Abitur weitaus länger gedauert hätte.“ Da sie parallel den Abschluss zur Verwaltungsbetriebswirtin machte, konnte sie die Kenntnisse bei beiden Abschlüssen anwenden. Sie absolvierte diese Fortbildung mit guten Leistungen und hätte somit die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erreicht. Doch leider lag der letzte notwendige Prüfungstermin zeitlich nach der Bewerbungsfrist an den Universitäten. Aber der ganze Aufwand sollte sich doch noch lohnen. „Durch das Hochschulgesetz des Landes Berlin erfuhr ich, dass ich aufgrund des Aufstiegsstipendiums nur zwei Jahre Berufserfahrung benötigte, um fachgebunden zu studieren.“

Bereits während der Weiterbildungen wurde ihr klar, dass sie Rechtswissenschaften studieren und sich auf das Arbeitsrecht spezialisieren wollte. Dabei hatte Tina Siebert inzwischen genügend Erfahrung in der beruflichen Arbeitswelt gesammelt, sodass sie ein klares Ziel vor Augen hatte. „Ich bekam von mehreren Hochschulen eine Zulassung und konnte mir die Universität aussuchen.“ Alles lief dabei reibungslos – sie erhielt ein Stipendium, einen Studienplatz an ihrer Wunschuniversität und musste jetzt nur noch ihr Studium aufnehmen. Heute befindet sie sich im 1. Fachsemester und ist glücklich, endlich an der Uni angekommen zu sein und genießt nun erst mal das langersehnte Studentenleben. Die anderen Studierenden sind sehr erstaunt, wenn die inzwischen 26-Jährige erzählt: „Ich habe zwar kein Abi, aber dafür ein Kind.“